„Emotionen stören nur"

Jahrhunderte lang war die herrschende Meinung gewesen: Menschen entscheiden rational. Gefühle stören dabei nur.

Doch der portugiesische Neurologe António Damásio bewies das Gegenteil. In seinem Buch „Descartes‘ Irrtum“ erzählt er von seinem Patienten Elliot Smith, welchem er 1982 begegnete.

Elliot kam zu ihm, nachdem ihm einige Monate zuvor ein kleiner Gehirntumor entfernt wurde, der gleich hinter seiner Stirn wuchs. Der Eingriff verlief gut. Sowohl sein Denkvermögen, als auch sein Intelligenzquotient blieben unverändert. Und doch hatte der 35-jährige ein Problem. Denn bald danach wurde aus dem erfolgreichen Geschäftsmann ein Mann, der sich nicht mehr entscheiden konnte.

Er kam morgens nicht mehr aus dem Bett und zögerte, wenn er mehr als ein Paar Schuhe zur Auswahl hatte. Er saß stundenlang am Autoradio, weil er sich schlicht nicht für einen Sender entscheiden konnte. Jede kleine Entscheidung brachte ihn zu einer großen und oft stundenlangen Grübelei. Elliot wurde alltagsuntauglich. Dies hatte auch zur Folge, dass er seinen Job verlor und seine Ehe in die Brüche ging.

Damásio führte mit Elliot mehrere Tests durch und sprach lange mit ihm, sowie mit seinen Freunden und Verwandten. Daraufhin kam er zu der Erklärung, dass Elliot keine Emotionen mehr spürt. Elliot konnte sich nicht mehr entscheiden, weil sich jede Option gleich anfühlte. Damásio fand ähnliche Fälle, bei denen Menschen ihre Emotionen und somit auch ihre Entscheidungsfähigkeit verloren haben.

Ohne Gefühl ist der Verstand hilflos

Damit hat Damásio gezeigt, dass das Gefühl als Entscheidungshilfe unerlässlich ist. Natürlich gilt das auch für den Verstand. Doch für eine lange Zeit ging man davon aus, dass Gefühle bei der Entscheidungsfindung fehl am Platz seien.

Nun zeigte sich hierbei aber, dass der Verstand das Gefühl gerade dann braucht, wenn es keine eindeutig richtige oder falsche Entscheidung gibt. Also bei Entscheidungen wie z.B. einen Radiosender zu wählen.

Gab es denn bei dir schon mal Situationen, in denen du bei Entscheidungsfragen das Gefühl nicht ausblenden konntest, weil du sonst zu keiner oder sogar einer falschen Entscheidung gekommen wärst?

Literatur: Damásio, António: Descartes‘ Irrtum, List Taschenbuch 2004