Warum bist du den Jakobsweg gegangen, Christina?

Heute geht es mit einem weiteren Interview meiner Serie #menschendiemutigeentscheidungentreffen weiter!

Wenn du die vorherigen Interviews noch nicht gelesen hast und es jetzt nachholen möchtest, kannst du sie hier finden.

Christina und ich sind uns im Frühjahr das erste Mal begegnet und verfolgen seitdem jeweils die Arbeit der anderen. Ich schätze ihr Engagement zum Thema Nachhaltigkeit wirklich sehr und habe mich riesig gefreut, als sie sich bereiterklärt hat, von mir zu ihren mutigen Entscheidungen interviewt zu werden.

Es war ein wirklich schönes Gespräch, das mir nochmal mehr vor Augen geführt hat, worauf es wirklich im Leben ankommt. Viel Freude beim Lesen!

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Hallo Christina, schön dass wir hier zusammengefunden haben! Magst du dich kurz vorstellen, bevor wir loslegen?

Ich bin Christina. Ich bin 35 und ich bin selbstständig. Und mein Thema ist vor allem, wie man in ein nachhaltiges und leichteres Leben startet. Wie man das umsetzen kann und wie man auch für sein Leben mehr Verantwortung übernimmt.

Ein super Thema! Und über welche mutige Entscheidung möchtest du sprechen?

Ich habe in meinem Leben rückblickend sehr viele Entscheidungen getroffen, auch größere Entscheidungen. Und ich würde starten mit der Entscheidung, dass ich mir einen jahrzehntelangen Traum erfüllt habe und den Jakobsweg gegangen bin letztes Jahr sechs Wochen lang - obwohl ich genau wusste, dass wenn ich das jetzt mache und ich wiederkomme, dass ich dann vielleicht noch 300 Euro auf dem Konto haben werde. Und trotzdem hat es sich richtig angefühlt. Und dann habe ich die Entscheidung getroffen und bin losgezogen.

Wow! Also mit einem großen Risiko verbunden.

Genau.

Wie hast du dich denn gefühlt, bevor du die Entscheidung getroffen hast? Was ging dir da durch den Kopf?

Mir ging durch den Kopf, dass es vielleicht schief gehen könnte, dass ich das bereue, und dass es unvernünftig ist, weil ich ja irgendwie schauen muss, dass ich über die Runden komme. Und da war natürlich eine gewisse Angst dabei, die Entscheidung jetzt wirklich durchzusetzen und das in die Realität umzusetzen einfach. Das war vorher. Und was gleichzeitig noch vorher war, war der Gedanke: Wenn ich das jetzt nicht mache, dann mache ich mich eigentlich selbst unglücklich, weil ich ja spüre, dass ich ein großes Bedürfnis danach habe. Und dass ich einfach merke, dass gerade der richtige Zeitpunkt dafür ist.

Also war das auch so der ausschlaggebende Punkt für dich, dass du diesen Gedanken hattest, ich mache es jetzt oder nicht, oder gar nicht?

Ja. Es ist nämlich so, dass ich diesen Gedanken seit über 13 Jahren hatte, weil ich mal am Jakobsweg gewohnt habe. Also in einer spanischen Stadt im Norden in Burgos. Und da habe ich quasi überhaupt erstmal dieses Pilgern und den Jakobsweg kennengelernt und fand das immer unglaublich faszinierend. Aber ich hab mir das damals zu dem Zeitpunkt nicht zugetraut und hab dann immer gesagt: Wenn, dann mache ich das vielleicht mal mit dem Fahrrad, oder einen Teil davon, aber ich kann ja unmöglich 900 bis 1000 km zu Fuß laufen. Das hat sich dann aber nach dreizehn Jahren verändert. Und letztes Jahr habe ich gar nicht mehr daran gezweifelt, dass ich das nicht schaffen könnte. Wenn ich das nicht gemacht hätte, hätte ich mich glaube ich sehr schlecht gefühlt, sehr… dass ich meinem Herzen nicht folge.

Wie hast du dich denn dann gefühlt, als du die Entscheidung getroffen hast? Du musstest ja wahrscheinlich auch Flugtickets buchen. Wie hast du dich denn dabei gefühlt bei dem Prozedere, dass es jetzt wirklich Realität wird?

Sehr erleichtert. Und ich habe mich auch sehr so gefühlt, als würde ich mir treu bleiben. Es war einfach eine Erleichterung und ich war glücklich darüber, dass ich meinem Herzen folge. Dass ich nicht diesen Gedanken über Bord werfe und sage, es ist unvernünftig. Bin sowieso in der Hinsicht nicht so ein vernünftiger Mensch, weil wenn das Herz sagt: „Mach das,” dann ist es meistens ja rational gesehen nicht vernünftig.

Erstmal habe ich gar keinen Flug gebucht, aber das ist gar nicht so wichtig für die Geschichte. Ich bin mit dem Zug nach Spanien gefahren und ich habe eine ganz große Vorfreude gespürt. Als ich den ersten Zug von Berlin nach Köln gebucht habe - da musste ich dann umsteigen, und dann noch nach Paris, wo ich noch eine Nacht übernachtet hab. Dort hab mir natürlich noch eine Unterkunft gebucht. Das war dann pure Vorfreude. Und da es aber auch sehr spontan war, also ich hab das glaube ich - ich weiß nicht ob sechs oder sieben Tage vorher entschieden und bin dann auch los. Es war einfach pure Vorfreude, weil es dann ja schon direkt losging.

Bildrechte: Christina Wendlandt

Wie war es denn letztendlich?

Der Jakobsweg selber? Ja, super toll. Also ich sage immer, dass ich so viel gereist bin seit ich 19 bin, weil das immer irgendwie meine Leidenschaft war. Aber ich habe noch nie so eine lebensverändernde und intensive Reise gemacht, obwohl man die ganze Zeit nur mit sich alleine ist und zu Fuß läuft. Und trotzdem war es toll. Natürlich hatte man auch ein bisschen Kontakt zu den Einheimischen. Das war für mich ja aber insofern nichts neues, weil ich eine Zeit schon in Spanien verbracht habe. Und trotzdem war das super toll.

Also ich würde es immer wieder machen, am liebsten einmal im Jahr. Dann vielleicht nicht sechs Wochen, aber vielleicht einen Teil davon, weil das unglaublich heilsam ist und dich total erdet und wieder so zu dir zurück bringt und dir auch zeigt: Okay, was ist für dich persönlich eigentlich wichtig im Leben? Und worüber machst du dir da vorher immer so viele Gedanken, das am Ende eigentlich gar nicht das ist, was dich wirklich im Leben beschäftigt? Also ich find mich da total immer wieder, dass ich im Alltag mir über Dinge Gedanken mache und mir wirklich den Kopf zerbreche, wo ich dann mit Abstand auf dem Jakobsweg gemerkt habe, dass es überhaupt keine Wichtigkeit in meinem Leben hat. Wieso habe ich ständig diese Gedanken im Alltag? Und das ist wie so ein Abchecken: Wie möchte ich eigentlich leben? Wo will ich denn meine Energie reinstecken, usw. Und wie soll es vor allem weitergehen?

Und dieser Prozess fand statt, indem du den Weg gegangen bist und viel in Gedanken warst? Oder passierten da direkt auch Dinge, nicht nur im Kopf?

Nicht nur im Kopf meinst du, sondern auch im Körper? Also das Interessante ist, dass wenn du pilgerst, oder allgemein auch wanderst, dass du immer mehr monoton ja unterwegs bist. Du hast einen gewissen Schritt, den gehst du die ganze Zeit und da das halt so im Gleichklang ist, fängt irgendwann dein Kopf an, abzuschalten. Deine Gedanken drehen sich nicht mehr im Kreis, sondern du kannst sie abschalten. Und dann fängt die Erholung quasi an und dein Körper natürlich erholt sich auch unglaublich davon, obwohl du ja eine ganz hohe sportliche Anstrengung eigentlich hast, weil du ja auch noch Gepäck auf dem Rücken hast.

Aber an sich, sagen wir mal alles, außer den Beinen und den Rücken, erholt sich einfach. Wenn ich manchmal im Alltag vor dem Laptop sitze und dann so verkrampfe und mein Gesicht irgendwie verkrampfe… Das war dann alles irgendwie auf dem Weg gelöst und entspannt. Da hat sich ganz viel getan. Und im Kopf einfach, dass er frei wurde.

Du wirst einfach unglaublich frei. Deine einzige Sorge ist, dass du abends irgendwo einen Schlafplatz bekommst und dass du was zu essen hast und genug zu Trinken. Und das ist alles. Also du hast viel weniger Sachen, worüber du dir Gedanken machst oder Sorgen machst, weil du im Prinzip auch gar nicht so viel im Leben brauchst, um glücklich zu sein. Und das zeigt dir der Weg, weil es sehr simpel eigentlich ist. Alles so sehr runtergefahren, ohne viel Komfort. Aber trotzdem das wichtige, was du halt so brauchst.

Ja, voll schön! Also ich hab auch selber einige Erzählgeschichten über den Jakobsweg gelesen - also von Leuten, die von ihrer Erfahrung erzählen. Und ich fand es auch immer so inspirierend und wollte es immer selber erleben, weil das, was da beschrieben wird, was da in ihnen selber passiert, kann man sich wahrscheinlich nicht vorstellen, bis man es selbst erlebt.

Ich habe es auch nicht für möglich gehalten, dass was passiert, muss ich sagen. Ich habe einfach gedacht: Wenn ich jetzt loslaufe, dann wird es mir alleine schon deswegen gefallen, weil ich gerne in der Natur bin und weil ich auch das Wandern für mich entdeckt habe. Ich habe zwar immer nur so vielleicht Drei-Stunden-Wanderungen gemacht und dann wochenlang wieder nichts. Aber trotzdem wusste ich, das wird mir schon mal gefallen. Und da kann ja nichts schief gehen. Und wenn da was schief geht, oder wenn es mir nicht gefällt, dann fahre ich wieder zurück.

Deswegen… Ich habe eigentlich nicht für möglich gehalten, dass etwas passiert, aber vielleicht weil man auf so ein Wunder wartet, und es kommt so ganz schleichend. Und das ist einfach unglaublich faszinierend. Ich hab auch in den ersten Wochen weder Musik gehört, noch Podcasts oder Hörbücher, noch hab ich viel Kontakt nach Hause gehabt. Und ich hab auch nicht gelesen, oder etwas aufgeschrieben. Es war einfach, weil ich auch gehört habe, dass wenn man sich dann ablenkt mit irgendwelchen anderen Medien, es nicht gerade unterstützend ist. Und da habe ich gedacht: Okay, ich probiere es erstmal so aus. Und das war halt super cool! Und dann irgendwann habe ich dann doch mal angefangen, abends vielleicht Musik zu hören, oder so. Und das war okay. Aber ja, eine sehr besondere Erfahrung auf jeden Fall! Kann ich dir sehr ans Herz legen!

Ist es normal, dass man alleine loszieht, oder gibts auch andere, die mit Begleitung den Weg gehen?

Es gibt Leute, die es alleine machen - das sind die meisten. Und es gibt Leute, die es mit ihrem Partner machen, mit einem Freund oder Freundin, Mutter, Vater, Bekannten. Und ich glaube jeder, der den Weg gegangen ist, würde sagen: Geh ihn alleine. Weil du bist nie alleine auf dem Weg.

Es entstehen Freundschaften, wenn du das natürlich möchtest. Du bist tagsüber alleine, aber du triffst halt auch die Leute, die so ein bisschen in deinem Schritt gehen. Die triffst du auch mal wieder, wenn du durch ein Dorf läufst und dann gibts da nur ein Café, dann sitzt derjenige da im Café und du setzt dich dazu, wenn der das will. Also du kannst es so oder so machen. Es gibt da keine Vorgabe. Ich glaube am meisten passiert, wenn du wirklich alleine gehst. Und deswegen habe ich z.B. auch entschieden, es nicht mit meinem Freund zu machen und es so zu planen, dass wenn er es auch mal machen möchte, dass wir es alleine machen.

Es hört sich so an, als wäre es eine tolle Möglichkeit, in der man zu sich kommt, sich wirklich mit sich selbst auseinandersetzt und Antworten auf innere Fragen bekommt. Aber ich stell es mir, wenn man dann da ist, auch nicht so leicht vor, weil es ja passieren kann, dass man einen inneren Kampf mit sich ausmacht, wenn man wirklich nur bei sich ist und keine Ablenkung hat. Hattest du da solche Erfahrungen gemacht gehabt?

Also ich persönlich bin nicht der Typ, der damit Probleme hat. Deswegen bin ich glaube ich nicht so ein gutes Beispiel. Aber ich weiß aus dem Austausch mit anderen, dass sie natürlich Probleme hatten. Du beschäftigst dich ja eigentlich den ganzen Tag, sobald du runtergefahren bist, mit deinen eigenen Schatten und mit deinen Schwachstellen, usw. Und wenn du da irgendwie dazu nicht bereit bist, dann machst du dir vielleicht lieber Musik an, oder irgendeinen Podcast, um dich da ein bisschen davon abzulenken - was ich auch in Ordnung finde.

Ich persönlich hab da nicht so ein großes Problem damit, weil ich, ich weiß gar nicht warum, aber es war schon immer so, dass ich auch als Jugendliche schon sehr ehrlich zu mir selbst war. Ich glaube das ist es. Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, dann hat man nicht so viele Probleme. Natürlich bin ich das auch nicht immer und zu 100%, aber es dauert nicht lange, bis ich merke: Ah, da warst du jetzt nicht ehrlich zu dir. Und deswegen… Es fiel mir nicht schwer.

Ich weiß aber von anderen, dass es denen sehr sehr schwer fiel und dass sie alles getan haben, um sich irgendwie zurechtzulegen, dass alles in Ordnung ist. Und dass sie sich auch nicht einsam fühlen, oder so. Also es passiert schon sehr viel und es ist super schön, in sich zu gehen. Es ist aber auch wirklich arsch-anstrengend muss ich auch sagen. Wenn man jetzt gerne am Meer rumliegt, ist es glaube ich keine gute Alternative, den Weg zu gehen.

Es ist ja nicht „nur” wandern, sondern du trägst ja auch dein ganzes Gepäck mit dir und bist wahrscheinlich auch in der Hitze die ganze Zeit. Stelle ich mir auch nicht leicht vor.

Ja das stimmt. Stimmt, das Gepäck. Also du brauchst natürlich auch einen starken Willen, das wirklich zu machen. Und ich hatte jetzt das umgekehrte Beispiel, dass ich nicht in der Hitze gelaufen bin, weil ich Anfang Oktober losgezogen bin. Da war es noch recht schön und ich hatte die ersten drei Wochen Bombenwetter. Aber es war so, wie jetzt gerade (Ende Juli in Berlin). Nicht zu heiß, sonnig, richtig schön.

Und dann die letzten drei Wochen hat es nicht mehr aufgehört zu regnen. Und ich bin drei Wochen durch Regen gelaufen - und das war dann quasi das andere Extrem. Da werden so wirklich deine Grenzen ausgetestet. Andere haben mir dann berichtet, als sie es im Sommer gemacht haben, dass es unerträglich heiß war. Je nachdem, wann du den Weg auch läufst.

War wahrscheinlich klug, dass du es im Herbst gemacht hast, obwohl es geregnet hat. Ich wüsste jetzt auch nicht, was schlimmer wäre: In der Hitze zu laufen oder durch den Regen.

Ich glaube das hat beides irgendwie… Du willst am liebsten alles hinwerfen und nach Hause fahren am Anfang. Und jetzt rückblickend, muss ich sagen, dass ich ohne den Regen glaube ich nicht an dem Punkt wäre, wo ich dann letztendlich war, weil das so viel von dir abverlangt. Und wenn du das dann geschafft hast und nicht aufgibst, dann bist du einfach umso stolzer und wächst auch umso mehr an dir selbst. Vielleicht sollte es auch deswegen so sein.

Was hat denn die Entscheidung für dich verändert?

Sie hat verändert, dass ich noch mehr ins Leben vertraue. Also auch im Hinblick auf das Risiko, das ich eingegangen bin. Dass ich da dann wenig Geld habe. Man muss natürlich dazu sagen, dass ich jetzt auch nicht ganz alleine bin, sondern mein Freund auch noch da ist. Und trotzdem war es mir eigentlich wichtig, dass ich das alleine wuppe. Ich war ja sechs Wochen aus diesem normalen Leben raus. Und ich habe oft das Gefühl, dass ich mir das nicht nehmen kann. Und als ich nach diesen sechs Wochen wiederkam, habe ich gemerkt, dass sich die Welt genauso weitergedreht hat und dass sich eigentlich nicht viel verändert hat, außer in mir.

Und das hat mir halt dazu verholfen, dass ich mehr ins Leben vertraue und auch mir bewusster bin, dass ich mich viel weniger von außen beeinflussen darf. Was ich aber ehrlicherweise sagen muss, ist, dass es mir immer noch passiert. Also es ist jetzt nicht total weg, sondern ich weiß, in mir ist es sehr bewusst, dass mich wieder unter Druck setze, weil ich dann denke: Das kann ich mir jetzt nicht rausnehmen - wenn du weißt, was ich meine.

Ja, ich weiß, was du meinst. Deswegen meinst du, du würdest es gerne eigentlich am liebsten jedes Jahr machen, damit du dich da zurückfinden kannst in dieses Gefühl?

Ja. Und dass ich mich auch daran erinnern kann, worum es eigentlich geht. Das ist so ein bisschen wie mit Meditation. Man kann ja auch nicht nur irgendwie sagen: Okay, jetzt bin ich hier am Höhepunkt und ich ruhe in mir, deswegen höre ich jetzt auf zu meditieren. Und ein halbes Jahr später bist du wahrscheinlich nicht mehr in deiner Mitte, weil das ja was Konstantes ist und du brauchst ja diesen Ausgleich von, ich sag mal laut und leise und innen und außen und so. Und da kann man unterschiedliche Wege gehen.

Und für mich ist ein guter Weg, sich eine Auszeit in der Natur zu gönnen. Und da ist dieses Pilgern einfach schön. Also es könnte auch einfach eine Woche Wanderurlaub sein irgendwo auf einer Alm, oder in den Bergen halt. Aber mir hat es einfach so gut gefallen, dass ich es am liebsten jedes Jahr machen würde.

Was bedeutet dir die Entscheidung?

Die Entscheidung bedeutet mir natürlich sehr viel, weil ich dadurch mir selbst treu geblieben bin. Ich meine Bedürfnisse nicht verleugnet habe, sondern meinem Herzen gefolgt bin und ich auch einfach dadurch gemerkt habe, ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Dass ich es gemacht habe. Und deswegen bedeutet sie mir vielleicht noch mehr, weil ich quasi auch stolz auf mich bin, dass ich so auf mich gehört habe. Weil ich glaub da haben wir alle so ein bisschen die Herausforderung, dass wir manchmal doch nach außen gucken: Wie reagieren denn andere darauf? Ob das jetzt der engste Kreis ist, oder die Familie, oder auch fremde Leute - das hängt ja von jedem so ab.

Und für mich ist es total wichtig, bei mir zu bleiben, und auch zu versuchen, dass immer mehr zu verinnerlichen und immer zu üben. Und weil Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit auch für mich persönlich total wichtig sind, bedeutet es mir viel, weil ich mir treu geblieben bin.

Wie hat denn dein Umfeld darauf reagiert, dass du den Jakobsweg gehen wirst und sechs Wochen einfach mal weg bist?

Dafür müsste ich quasi ausholen. Aber um es in einem Satz zu formulieren: Es hat sie nicht verwundert, weil ich schon immer so Entscheidungen getroffen habe (lacht). Und das war eigentlich eher so: „Ja, passt zu dir.“ Deswegen waren die Rückmeldungen sehr positiv und auch sehr neugierig.

Und manche wussten auch von früher noch, dass ich das unbedingt machen wollte. Deswegen haben sie sich gefreut, dass es jetzt die richtige Zeit war. Und sie hatten auch gar nicht die Befürchtung, die ich hatte, irgendwie gespiegelt. Also dass sie gesagt hätten: „Also wie, du kannst doch nicht einfach sechs Wochen weg!?“ Also die Fragen kamen natürlich gar nicht. Das ist dann immer nur die Angst, die ich persönlich dann habe.

Welchen Rat hast du denn an andere, die gerade vor einer schwierigen Entscheidung stehen?

Ich würde den Ratschlag geben, sich Zeit zu nehmen, bevor man eine Entscheidung trifft, oder bevor diese Person eine wirklich wichtige Entscheidung trifft. Und wie ich schon ein paar Mal angedeutet habe: Ich würde auf mein Herz hören und versuchen, mich nicht so viel von den Gedanken und dem Verstand ablenken zu lassen.

Ich habe jetzt persönlich die Erfahrung gemacht, dass wenn ich anderen Leuten sowas sage, sie mir ganz oft sagen: „Ja, wie höre ich denn auf mein Herz?“ Das ist dann die nächste Herausforderung, weil dafür muss man ja erstmal eine Verbindung zu sich haben und auch wieder spüren: Was ist denn jetzt der Kopf und was ist das Herz?

Meist ist es das, der Impuls, der zuerst kommt. Und dann stellt sich erst der Kopf ein. Und der versucht dann dir innerlich auszureden, dass das eine gute Entscheidung sein könnte, weil es ja tausend Gründe gäbe, warum du dich in Gefahr bringen könntest. Und warum das jetzt keine tolle Entscheidung ist.

Wie gehst du denn allgemein mit Entscheidungen um? Du hast ja schon angesprochen, dass du öfter lange grübelst und zu keiner Entscheidung kommst, richtig? Hast du das immer noch, seitdem du den Jakobsweg gegangen bist? Hat sich da was verändert?

Also ich grübel viel, aber das bezieht sich nicht auf Entscheidungen. Aber ich habe herausgefunden, wenn ich viele Auswahlmöglichkeiten habe, z.B. bei ganz banalen Dingen, wie einer Speisekarte, dann tu ich mich schwerer, als so eine Entscheidung zu treffen - ob ich jetzt z.B. im Ausland studiere, oder ob ich den Jakobsweg gehe, oder ob ich meine Wohnung kündige, oder solche Geschichten. Das ist ganz verrückt.

Also je größer die Entscheidung, desto leichter fällt es mir. Und je kleiner und unwichtiger die Entscheidung, desto länger brauche ich. Warum auch immer das so ist. Und die Entscheidungsfindung… hab ich noch gar nicht darüber nachgedacht, ob das nach dem Jakobsweg jetzt besser ist. Ich glaube, dass ich mit Sicherheit eher nochmal so eine Entscheidung spontan treffen werde, und vielleicht dann noch schneller. Also sie war schon sehr schnell.

Es war eine Entscheidung, die ich ja schon dreizehn Jahre mit mir rumgetragen habe, und immer wieder kamen Impulse. Und der Moment, in dem ich wirklich die Entscheidung getroffen habe, hat dann nicht so lange gedauert, weil der Impuls kam. Mit Sicherheit würde ich in Zukunft mehr solche Entscheidungen treffen, weil sie mich auch einfach total lebendig machen und mir immer wieder zeigen: Darum geht es doch im Leben.

Ich finde es auch wichtig, dass man solche Erfahrungen macht, um sich selbst besser kennenzulernen und auch herauszufinden: Was möchte man wirklich vom Leben? Wie möchte man leben?

Ja genau. Da bin ich immer sehr neugierig und bin auch eine total leidenschaftliche Komfortzonen-Verlasserin, auch wenn es dann immer Herausforderung heißt. Aber ich habe irgendwie Spaß daran, mich diesen Herausforderungen zu stellen. Das habe ich auch festgestellt, weil es ist ja nicht ganz so üblich. Ich höre oft das Gegenteil, dass es Leuten eher schwer fällt. Und ich möchte irgendwie immer diese Herausforderung, weil sie mir gut tut.

Würdest du dich dann als eine entschlossene Person bezeichnen?

Ich würde sagen, ich bin eine entschlossene Person. Nur muss man ja auch mit reinnehmen, dass ich bei diesen banalen Situationen überhaupt nicht entscheidungsfreudig bin. Nur finde ich, dass die nicht so viel Gewicht haben im Leben. Und bei den großen Entscheidungen weiß ich schon immer, da habe ich so meinen inneren Kompass. Da brauche ich nicht so lange für Entscheidungen.

Deswegen würde ich eher sagen entschlossen. Und wenn ich diese Entscheidung getroffen habe, dann ziehe ich sie auch durch. Ich vertraue ja meinem Herzen und meinem Gefühl. Und da bin ich auch nicht mehr unsicher, ob das jetzt die richtige Wahl ist.

So schön, dass du das so machen und auf dein Gefühl hören kannst! Also auch den Zugang dazu hast.

Ja, das was für mich damals Fluch war, ist dann heute Segen geworden, weil es mir unbewusst von außen oft ausgeredet wurde. Dass ich nicht so ein Gefühlsmensch sein soll. Diese Intuition war immer da und jetzt kann ich es auch als was Positives sehen und als ein Geschenk.

Was ist dir denn im Leben wichtig?

Mir ist im Leben wichtig, dass mein Leben nicht an mir vorbeizieht. Und es ist tatsächlich nicht so, dass ich das Gefühl habe, was zu verpassen, sondern ich möchte es so leben, dass ich so viele Glücksmomente auch im Alltag habe, wie möglich. Also es müssen jetzt nicht immer die großen Sachen sein. Und ich habe auch mal eine längere Reise gemacht, also eine Weltreise gemacht, und es muss nicht immer sowas sein.

Es können auch einfach ganz kleine, schöne Glücksmomente sein, die ich auch viel in der Natur finde. Das ist mir wichtig. Das ich da so viele Momente wie möglich von sammeln kann, wo ich einfach irgendwie Freude verspüre. Zum Beispiel auch einfach in einen unberührten See morgens um 7 Uhr springen, das macht mich unglaublich glücklich und mehr brauche ich gar nicht. Das ist mir wichtig im Leben. Aber es gibt viele Sachen in meinem Leben, die mir wichtig sind. Die liebsten Menschen in meinem Leben sind mir auch wichtig. Das ich auch mit denen genau diese Momente, die ich beschrieben habe, verbringe.

Du hast ja am Anfang gesagt, dass du mehrere mutige Entscheidungen getroffen hast. Was ist denn noch so eine andere Entscheidung, die dir viel Mut abverlangt hat - oder wo du sagen würdest: „Das war mutig”?

Es hatte interessanterweise immer damit zu tun, dass ich ins Ausland gegangen bin. Und eine Entscheidung war, dass ich mit meinem Freund auf Weltreise gegangen bin für ein knappes Jahr. Und für mich persönlich, das ist vielleicht auch wichtig zu wissen, sind das alles auch keine mutigen Entscheidungen gewesen. Ich habe aber gemerkt, dass alle anderen sie sehr mutig finden. Und ja deswegen kann ich vielleicht auch anerkennen, dass es etwas mutiges war.

Ja, die Wohnung aufzulösen, in der wir gewohnt haben und unser Hab und Gut ganz zu reduzieren und nur noch so persönliche Dinge und ein paar Einzelstücke zu behalten und dann loszuziehen und nicht zu wissen, wo es hingeht, außer in den nächsten drei Tagen. Das war auf jeden Fall eine mutige Entscheidung.

Und die andere, die auch mit dem Ausland zu tun hatte, ist, dass ich zweimal nach Spanien gezogen bin für einmal ein Jahr und einmal zwei Jahre. Und da im Prinzip auch mein Leben hier zurückgelassen habe erstmal auf eine gewisse Zeit.

Das ist absolut mutig! Davon träumen viele und machen’s dann einfach nicht!

Ich hatte, wie ich schon gesagt hatte, immer ein sehr großes Vertrauen ins Leben. Und das war immer quasi so meine Sicherheit. Ich habe mit vielen Leuten darüber gesprochen, auch z.B. mit meiner Mutter und wir haben herausgefunden, dass wir ganz unterschiedliche Sicherheitsempfindungen haben. Und mein Sicherheitsempfinden für mich ist, dass ich ein Zuhause habe, also nicht eine Wohnung oder ein Haus, sondern dass ich darauf vertraue, dass alles gut wird und dass, wenn es für alles eine Lösung gibt und dass ich auch dazu imstande bin, jede Herausforderung zu meistern. Damit bin ich immer überall hingegangen.

Also ich war jetzt natürlich auch oft ins Ausland, das war dann für mich irgendwann nicht mehr eine so große Komfortzonen-Verlassung. Aber trotzdem ist es das immer ein bisschen, weil du immer an einen anderen Ort gehst und immer neue Menschen triffst, dich immer neuen Dingen stellst. Es liegt glaube ich daran, dass ich ein anderes Sicherheitsempfinden habe und das anders definiere für mich

Ich finde auch, jede*r von uns sollte ein stärkeres Vertrauen in sich haben, dass alles gut wird. Dass egal was man macht, es trotzdem immer eine Lösung gibt.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei dir für deine Zeit und deine Offenheit, mit mir darüber zu sprechen!

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Christina ist eine Zero-Waste-Enthusiastin, Naturliebhaberin und Minimalistin aus Leidenschaft. Mit ihrem Podcast „Fairantwortung“ begleitet sie andere in ein natürliches und bewusstes Leben voller Leichtigkeit und Einfachheit. Mehr Infos zu ihr und ihrer Arbeit findest du auf ihrer Website.