Warum war es für dich eine Überwindung, online dein Gesicht zu zeigen, Julia?

Heute gibt es ein weiteres Interview meiner Serie #menschendiemutigeentscheidungentreffen!

Wenn du die vorherigen Interviews noch nicht gelesen hast und es jetzt nachholen möchtest, kannst du sie hier finden.

Julia studiert Gesundheitspsychologie und zählt sich zu den introvertierten und hochsensiblen Menschen. Neben ihrem Studium spricht und schreibt sie unter dem Namen The German Introvert auf verschiedenen Plattformen (auf Instagram folgen ihr knapp 11.000. Menschen) regelmäßig, wenn nicht sogar täglich, über verschiedene Themen, die das introvertierte Leben umfassen, mit dem Ziel, dass Gleichgesinnte ihre eigene Introversion besser verstehen lernen.

An ihrer Arbeit finde ich vor allem bemerkenswert, wie authentisch sie dabei auftritt! Man kann nämlich ziemlich deutlich mitverfolgen, welche tolle Entwicklung sie selbst als Introvertierte macht. Welche Entscheidung zu dieser Entwicklung beigetragen hat, erzählt sie in diesem Interview. Viel Freude beim Lesen!

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Magst du dich vorstellen? Wer bist du und welche mutige Entscheidung hast du getroffen?

Wer bin ich… Kurz gesagt, eine Social Media Person? Wenn ich es genauer beschreiben soll, bin ich Eine Bloggerin, eine Content Creatorin. Und ganz ehrlich, diesen Weg einzuschlagen stellte mich vor einige große Entscheidungen! Es ist nun glaube ich ein wenig mehr als ein Jahr her, dass ich meinen Instagram Account angelegt habe und ich kann dir sagen, dieser Schritt war nicht annähernd so ein großer Schritt, wie das, was erst viel später kam.

Das ich meinen jetzigen Social Media Account angelegt habe, war eine sehr spontane Aktion gewesen. In dem Jahr, als ich ihn erstellt hatte, ist bei mir privat viel passiert. Unter anderem habe ich mich von einer Person getrennt, die in meinem Leben eine große Rolle gespielt hat. Wieso ich mich von dieser Person getrennt hatte, hatte mehrere Gründe, u.a. aber den, dass ich mich immer vor den Kopf gestoßen und nicht von ihr verstanden gefühlt habe.

Leider hatte ich zu dem Zeitpunkt selber auch viele Probleme mit mir selbst, was das nicht unbedingt einfacher gemacht hat. Im Dezember 2018 habe ich dann gemerkt, dass die Freundschaft auseinander geht. Und ich wusste dabei, dass dies auch an mir lag — woran genau, konnte ich allerdings noch nicht ganz ahnen.

Ich habe dann angefangen, mich noch viel mehr als sonst mit mir selbst auseinanderzusetzen. Dadurch bin ich dann auch auf das Thema Introversion gestoßen. Ich habe super viel darüber gelesen und gelernt, wodurch das Bedürfnis entstanden ist, mich darüber austauschen zu wollen — am besten online mit Menschen, denen es ähnlich geht. Ich wollte mich verstanden fühlen und mehr über mich und andere lernen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, wie ich.

Aus diesen Gefühlen heraus habe ich dann meinen Account angelegt. Das war wirklich einfach super spontan, ohne irgendeine Idee für die Zukunft. Was ich im Nachhinein mega lustig finde, weil ich rein aus Marketingperspektive einen wirklich super Namen gewählt habe — und das, obwohl ich mir nichts dabei gedacht hatte und mich ehrlicherweise nur mit Leuten austauschen wollte. Das habe ich auch gemacht und meine Gedanken und Gefühle nach und nach in Form von eignen Posts geteilt, in der Hoffnung, dass vielleicht Leute mit mir darüber reden wollen und mir damit dabei helfen, mich selber zu verstehen.

Dann ist es immer so weitergegangen und ich habe immer weiter Posts erstellt und habe dann gemerkt: Irgendwie fühlen sich Menschen angesprochen. Es hilft ihnen irgendwie, dass jemand anderes das aussprach, was sie vielleicht in dem Moment dachten oder fühlten, aber nicht so ganz artikulieren konnten. Und ab da hat sich das dann alles so weiter entwickelt und irgendwann haben die Leute zu mir gesagt: „Hey, wir finden cool, was du machst! Wir würden gerne wissen, wer eigentlich hinter diesem Account steckt.“ Denn tatsächlich habe ich mich bis dato nie gezeigt gehabt. Weder mein Gesicht irgendwo drauf getan, noch mich in der Story gezeigt - gar nichts. Ich war völlig anonym auf meiner Plattform unterwegs.

Ich würde sagen, damit kommen wir auch schon zur wahrscheinlich der größten Entscheidung, die ich seit langem getroffen habe! Ich kann dir sagen, ich war so nervös wegen diesem Thema. So nervös, dass ich diese Fragen darauf, ob ich doch bitte ein „Face Reveal“ machen könnte, die ersten paar Wochen, wenn nicht sogar Monate, erstmal ignoriert. Aber die Frage kam immer wieder auf. Ehrlich, ich habe mich auch immer rausgeredet.

An sich hat auch niemand ein Recht darauf zu sehen, wer sich hinter irgendeinem Account verbirgt. Aber ich konnte mir natürlich auch schon vorstellen, dass es den Leuten hilft wenn sie wissen, wer dahinter steht - immerhin redete ich mit einigen über super persönliche Sachen und da will natürlich niemand am Ende herausfinden, dass es ein Bot oder gar eine Firma war, mit der kommuniziert wurde.

Dann habe ich mir im Oktober letzten Jahres so langsam mal Gedanken darüber gemacht und überlegt: Willst du nicht doch dein Gesicht zeigen? Und ja - der Gedanke war da, aber es hat so lange gedauert, bis ich es tatsächlich gemacht habe. Ich weiß nicht mehr, an welchem Tag das eigentlich war, aber das war wirklich so ganz spät Ende 2019. 

Und ich weiß noch so gut, dass ich so ein bisschen versucht habe herauszufinden, wann der beste Zeitpunkt dafür wäre. Ich war noch bei einem normalen Bürojob angestellt, und ich wollte auf gar keinen Fall, dass irgendwie jemand vom Unternehmen mitbekommt, was ich online so über mich teile, da es ja schon auch sehr private Themen sind. Dann war endlich der letzte Tag im Büro und ich wusste — jetzt ist es soweit!

Mich aber von jetzt auf gleich mit meinem Gesicht zu zeigen war nicht so einfach, denn tatsächlich musste mich richtig motivieren und mir Mut zusprechen. Ich habe auch lange überlegen müssen, wie ich das ganze angehen will. Immerhin war ich jetzt auch nicht gerade die selbstbewusste Person und mochte damals auch überhaupt nicht, wie ich aussah. Jetzt würde ich sagen, habe ich mich einfach daran gewöhnt wie ich aussehe, weil ich mich eigentlich überall sehe - auf meinen Bildern, in meiner Story… und dann gewöhnt man sich irgendwann daran. Und das hilft schon extrem, auch mit der eigenen Wahrnehmung.

Und das „Face Reveal“ war so eine Entscheidung, die ich getroffen habe, von der ich niemals auch gedacht hätte, dass ich sie treffen würde. Und ich glaube, wenn die Leute mich nicht auch immer wieder motiviert hätten, mich zu zeigen, hätte ich es vielleicht nie getan.

Auch wenn die Entscheidung für mich echt groß war und nicht leicht, ganz und gar nicht, bereue ich es überhaupt nicht, mich aus meiner Komfortzone getraut zu haben. Ganz im Gegenteil. Irgendwie hat es schon einiges ins Rollen gebracht, worüber ich sehr dankbar bin!

Ich habe angefangen dir auf Instagram zu folgen, nachdem auf meinen Account gestoßen bist und dachte mir: Wo ist denn das Gesicht hinter dem Account? Ich kam ja auf den Zug deiner Reise kurz bevor du dein erstes Bild gepostet hattest. Ich weiß aber nicht mehr, ob es in Form eines Posts war, oder in der Story.

Zu allererst habe ich mich in der Story getraut, mich zu zeigen. Das ich mich dann in einem Post gezeigt habe, dass war ein paar Wochen später. Ich dachte mir nämlich auch damals so: Ich brauche einen sicheren Raum, wo ich vertrauen kann das keine Haterkommentare oder sowas kommen, wenn ich mich zeige.

Tatsächlich habe ich dir selber genau dieser „Problematik“ bzw. Entscheidung gefolgt, weil ich mir eben auch eine ganze Weile einfach sehr unsicher war.

Verrückt, dass es damit zusammenhängt! Ich habe letztens mit einer Freundin gequatscht, die dich auch kennt und da sind wir auch auf dich gekommen. Sie sei dir wohl erst gefolgt, als du schon Bilder von dir gepostet hattest. Aber sie selbst meinte auch, dass du so eine Entwicklung machst! Dass du immer selbstbewusster rüberkommst und man deine Entwicklung einfach sieht und es einfach schön mit anzusehen ist.

Aww! Ich glaube auch, dass man bei meinem Account schon deutlich sehen kann, wo ich ganz am Anfang stand und wo ich jetzt im Vergleich stehe. Und immer, wenn ich mir das Ganze nochmal anschaue, weil ich scrolle ja auch selber immer mal wieder runter in meinem Feed, dann denke ich mir auch immer wieder so: Wow, wer warst du da?

Wie hast du dich denn gefühlt, bevor du die Entscheidung getroffen hast? Das hast du ja schon so ein bisschen angesprochen, dass eine Unsicherheit und Angst da war. Kannst du das nochmal ein bisschen beschreiben?

Ich muss sagen, dadurch, dass ich selber sehr viel auch schon durch Mobbing erlebt habe - in der Vergangenheit, in der Kindheit und in der Schulzeit - war ich bei dieser Entscheidung extrem vorsichtig würde ich sagen, und auch extrem nervös. Und ich wusste noch nicht so ganz, ob ich es wirklich machen will, weil ich auf jeden Fall nicht wollte... also mir selber irgendwie einbrocken wollte, dass ich eine Plattform gebe, wo Leute mich wieder fertig machen können.

Die Entscheidung an sich hat mir wirklich auch Bauchschmerzen bereitet und es war insgesamt einfach ein ganz komisches und mulmiges Gefühl, was damit verknüpft war. Ich hatte einfach Angst, also wirklich einfach Angst, was passieren könnte, wenn ich jetzt anfange, mich so offen auf einer öffentlichen sozialen Plattform zu zeigen, wo theoretisch jeder mich dort finden und sehen könnte. 

Mein schlimmster Alptraum wäre halt gewesen, dass Leute das verbreiten, sich darüber lustig machen und schlecht über mich reden würden. Und deshalb hat es eben auch circa ein dreiviertel Jahr gedauert, bis ich mich wirklich psychisch in der Lage befunden habe, diesen Schritt auch zu gehen. Ich habe sogar, bevor ich das gemacht habe, selber ein Coaching in Anspruch genommen, um mit bestimmten Problemen, die ich mit mir selbst hatte, besser fertig zu werden.

Wie ging es dir denn, als du die Entscheidung getroffen hast? Also gerade in dem Moment? Du hast ja irgendwann gedacht, du bist jetzt bereit, oder bereiter, das zu machen. Hast du dich da nochmal anders gefühlt?

Ja. Ich würde schon sagen. Also vor allem auch dadurch, dass ich dann das Coaching gemacht habe, das über vier Wochen ging. Das hat mir echt extrem geholfen. Und dadurch habe ich dann halt irgendwie den Mut gefasst, und dadurch muss ich sagen, hat der Gedanke, dass ich das mache, immer weniger furchteinflößend gewirkt. 

Und über die Zeit habe ich mich tatsächlich „bereiter“ gefühlt. Und an dem Tag, wo ich dann tatsächlich auch meine erste Story gemacht habe, war das mehr einfach ein „Augen zu & durch“. Ich habe ein Bild von mir reingetan, mich kurz vorgestellt, auf senden gedrückt und das Handy dann weggelegt. 

Ich war so nervös. Und einerseits war ich ein bisschen, würde ich sagen auch euphorisch, weil ich mir dachte: Boah krass, das hast du dich jetzt echt getraut. Zum anderen, klar, dieser kleine Funken, ein kleiner Funke Angst war noch dabei. Aber in dem Moment, wo ich auf „In der Story teilen“ gedrückt habe, dachte ich mir einfach nur so: Ich bin gerade einfach nur verdammt stolz auf mich, dass ich das gerade gemacht habe, obwohl ich soo eine krasse Angst hatte. Mein inneres Kind hat einfach nur so gejubelt, dass ich mich das getraut habe.

Du hast ja für dich auch eine Veränderung ins Leben gerufen! Was hat sie denn alles ins Rollen gebracht?

Erst einmal ist natürlich mein Account voll gewachsen, weil plötzlich eben eine Person da war. Ich bin immer wieder so erstaunt, und klar auch stolz. Und das sind so viele unterschiedliche Gefühle. Ich bin happy und auch immer mal wieder so berührt. Und ich finde es einfach nur krass, wie stark mein Account in der Zeit gewachsen ist, seit ich diese Entscheidung getroffen habe.

Und klar, ich bereue es auf gar keinen Fall, dass ich es gemacht habe. Zum einen deshalb und zum anderen für mich selber, weil ich durch diese Entscheidung auch immer mutiger geworden bin, weitere Entscheidungen zu treffen, die zu dem Zeitpunkt vielleicht noch beyond für mich waren.

Witzigerweise habe ich ja meinen Podcast, noch bevor ich ein Bild von mir gepostet habe, gestartet. Und da wusste auch noch keiner, wer ich bin. Das war glaube ich so ein Ding, das mich dann doch so ein bisschen dazu motiviert hat, ein Bild von mir online zu stellen. Aber auch da muss ich sagen, habe ich dann auch erst danach den Mut gehabt, so langsam auch dort persönlichere Themen anzusprechen.

Insgesamt würde ich sagen bin vor allem selbstbewusster geworden, vor allem wenn es um das Treffen von Entscheidungen geht.

Was bedeutet dir die Entscheidung?

Extrem viel. Also ich glaube zu dem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, was diese Entscheidung auslösen wird. Aber so im Nachhinein bin ich schon extrem dankbar und froh und glücklich, dass ich diese Entscheidung getroffen habe, weil sie mir letztendlich so viel Freiheit gegeben hat. Also jetzt mal unabhängig von Beruflichem, oder so.

Klar, es wär cool, wenn ich durch diese Entscheidung, also das, was ich tatsächlich mache, wirklich als mein Beruf ausüben kann. Hauptberuflich bin ich ja eigentlich Studentin. Wenn diese Entscheidung dazu führt, dass ich das hier mal als Beruf machen kann, wäre das natürlich der absolute Wahnsinn. Aber mal unabhängig davon hat sie mir Freiheit in dem Sinne gegeben, dass ich mich plötzlich in der Lage fühle, tatsächlich nach dem zu gehen, was ich mir vorstelle und mich nicht von meiner Angst bremsen zu lassen. Und gerade als jemand, der lange Zeit auch gemobbt wurde, ist das einfach ein unbeschreibliches Gefühl, weil Angst schon immer sehr stark mein Leben und mein Denken dominiert hat.

Ich bin ja erst 23, aber ich habe mich noch nie so frei gefühlt und zufrieden mit mir selbst gefühlt, wie ich es jetzt aktuell tue. Und das wäre niemals gewesen, wenn ich nicht vorher, also vor circa einem Jahr, diese Entscheidung getroffen hätte. Ich bin mega dankbar einfach, dass ich mir selber diesen Mut gegeben habe, dass andere mich auch ermutigt haben und dass ich auch dieses Coaching zum Beispiel in Anspruch genommen habe, was mir letztendlich auch geholfen hat, mutig für mich selbst zu sein.

Es ist auch überhaupt nicht schlimm, sich Unterstützung zu holen, wenn man merkt, alleine kommt man da selbst jetzt nicht weiter. Da braucht es manchmal einfach Unterstützung von Außen. Deswegen finde ich es schön, dass du das gemacht hast!

Finde ich auch immer wieder wichtig. Ich wär nicht da, wo ich jetzt bin, wenn ich mir nicht Hilfe geholt hätte. Auch insgesamt nicht. Meine Schwester hilft mir ja auch immer mal wieder mit meinen Fotos zum Beispiel. Sie hilft mir echt immer wieder mit den Sachen und sie inspiriert mich auch regelmäßig für bestimmte Themen, die ich dann auf Instagram oder anderswo anspreche. Sie bemüht sich immer voll mir zu helfen, was ich auch mega süß finde. Bin ich auch sehr dankbar für.

Im Studium und auch zur Schulzeit war es zum Beispiel schon immer ein großes Problem für mich, Hilfe von Außen anzunehmen. Aber wenn ich mir jetzt überlege, dass wenn ich die Hilfe, die ich gehabt habe oder jetzt auch habe, nicht hätte, dann wüsste ich nicht, ob ich alles so machen könnte, wie ich es jetzt tue.

Wie hat sich die Entscheidung denn auf dein Umfeld ausgewirkt? Haben sie etwas bestimmtes an dir wahrgenommen, weil ja dadurch so viel Veränderung bei dir ins Rollen gekommen ist? 

Klassisch Introvert habe ich jetzt nicht so ein vielfältiges soziales Umfeld, oder so. Und noch dazu habe ich es sehr lange niemandem gesagt. Meine Schwester war die einzige, die es tatsächlich von Beginn an wusste, dass dieser Account existiert. Sonst habe ich es niemandem gesagt. Meine Eltern wussten es zum Beispiel auch sehr lange gar nicht. 

Irgendwann, ich glaube da hatte ich schon so 1000 Follower, habe ich es meiner Mutter dann gebeichtet. Und sie fand es total toll. Dann habe ich es irgendwann, ich weiß nicht wie viele Follower ich da hatte, oder wie lange ich den Account dann schon betrieben hatte, schließlich auch meinem Vater gezeigt. Entgegen meiner Erwartung war er auch voll begeistert, meinte auch so: „Boah, voll cool! Da schreiben ja auch Leute in die Kommentare.“ Und klar, die Eltern haben nicht so viel mit Instagram zu tun. Die waren einfach geflasht von den Sachen, die dort passiert sind.

An Silvester 2019 habe ich es dann der ersten Person außerhalb der Familie gezeigt — meiner besten Freundin, der ich bis dato das auch verheimlicht habe. Ich weiß noch, ich hab mein Handy angeschaltet, Instagram geöffnet, den Account aufgerufen, ihr vor die Nase gehalten und bin weggegangen (lacht). Ich dachte mir, sie kann sich das anschauen und ich sage erstmal nichts. Dann war sie voll begeistert und auch beeindruckt von dem, was da so passiert und meinte dann: „Warum hast du das nicht schon vorher gesagt? Das ist ja voll cool!“

Und dann habe ich so langsam den Mut gefunden, das auch noch zwei Kommilitoninnen von mir, mit denen ich sehr gut befreundet bin, auch zu zeigen, mit der „Exit—Strategie“ im Kopf, dass wenn sie es komisch finden und mich dann nicht mehr mögen, ich sie tatsächlich nach dem Studium nicht mehr treffen müsste.

Zuletzt habe ich’s dann auch einer guten, langjährigen Freundin gezeigt, mit der ich gefühlt schon immer irgendwie befreundet war. Wir sehen uns nicht oft und sie ist wirklich total extrovertiert. Und ehrlich, ich hatte schon Bammel ihr das zu zeigen. Aber auch da war die Resonanz mega positiv! Tatsächlich hat sie sogar gesagt, dass sie als extrovertierter Mensch es super spannend findet, durch meinen Account mehr über mich und andere Introvertierte zu erfahren, einfach um uns alle ein bisschen besser verstehen zu können. Und das ist wirklich ein großes Kompliment für mich und für meine Arbeit gewesen.

Lustigerweise war sie mehr davon überrascht, dass ich Introvertiert sei, als von meinem Instagram Account. Wir kennen uns schon ewig, aber sehen uns kaum. Daher war ihre Einschätzung, was meine Persönlichkeit angeht, einfach auch eine etwas andere. Ich glaube insgesamt hielt sie mich auch für zu „selbstbewusst“ um Introvertierte zu sein. Einerseits ein Kompliment, andererseits natürlich auch ein Vorurteil. Trotzdem macht es mich auch happy, dass ich nicht mehr als das graue Mäuschen wahrgenommen werde, als das ich mich tatsächlich sehr lange auch gefühlt habe.

Introversion hat ja auch viele Facetten. Manchen Menschen ist man einfach selbstbewusster gegenüber, als anderen.

Ganz genau. Und ich glaube das ist auch so eine Sache, womit ich voll lange auch gestruggelt habe, da ich lange auch geglaubt habe man müsste sich Selbstbewusstsein erst verdienen. Ganz nach dem Motto, wenn du selbstbewusst bist ohne Grund, dann bist du ja arrogant! Deshalb war diese Reaktion voll schön, weil da fühlt man sich so bestätigt: Ja, ich habe tatsächlich etwas geschafft!

Oft denke ich auch gar nicht daran, oder ich erinnere mich an den Weg den ich gegangen bin, weil ich mir auch oft dabei denke, dass andere ja viel weiter sind. Aber das sind Momente, im den ich dann auch gezielt mich wieder auf mich selbst lenken und zurückbesinnen muss, um mir vor Augen zu führen, was ich da eigentlich geschafft habe. Deshalb scrolle ich immer wieder durch meinen eigenen Profil Feed, nur um zu gucken, wo ich mal war und mich daran zu erinnern, dass es nicht darum geht, höher, besser, weiter zu kommen, sondern meiner tiefen Intention zu folgen und meinen Weg zu gehen.

Am Anfang meiner Social Media Präsenz ging es mir ja vor allem einfach nur um das Teilen und Mitteilen meiner Gefühle und Erfahrungen. Mittlerweile ist es mehr eine Mission geworden, mich und andere dazu zu bewegen, uns selbst besser kennenzulernen und andere Menschen aufzuklären, damit die Gesellschaft uns introvertierte Menschen endlich so akzeptiert und fördert, wie wir sind. Eine Mission, die nur durch diese eine Entscheidung ins Rollen gebracht wurde.

Es ist eine richtig schöne Geschichte! Weil es ist ja gerade mal ein halbes Jahr her, aber es ist so viel passiert!

Ja schon. Muss ich mir auch immer wieder vor Augen führen. Es fühlt sich viel länger an, weil eben so viel passiert ist— vor allem in mir drinnen, in dieser recht kurzen Zeit.

Absolut. Manchmal kommen Dinge ganz schnell ins Rollen und manchmal ist es halt ein ganz langsamer Prozess. Es kommt halt darauf an, was es ist. Und du bist ja täglich auf Instagram. Du postest ja jeden Tag etwas und lädst alle zwei Tage immer wieder ein neues Bild von dir hoch und zeigst gleichzeitig noch mehr von deiner Persönlichkeit. Und dann sprichst auch noch in den Stories immer regelmäßig. Das macht wahrscheinlich ganz viel mit dir.

Ja, das stimmt. Je öfter man es macht, desto leichter fällt es einem dann. Das habe ich auch mit den Bildern ganz krass gemerkt, je öfter ich auch diese Fotos poste, umso weniger schlimm fühlt es sich auch an. Am Anfang dachte ich mir auch: Boah, jetzt muss ich hier modeln. Geht das überhaupt? Aber man gewöhnt sich dran und mit der Zeit wird es immer leichter, sich natürlich zu zeigen.

Wie gehst du denn allgemein mit Entscheidungen um? Bist du eine, die lange grübelt, oder entscheidest du gerne spontan, intuitiv heraus?

Ich würde sagen eine Mischung. Ich glaube mittlerweile bin ich relativ impulsiv, was Entscheidungen angeht - gerade wenn es so alltägliche Entscheidungen sind, dann brauche ich jetzt nicht lange für. Und ich glaube auch, dass diese eine große Entscheidung sehr viel in diese Richtung verändert hat, weil ich sehr viel mehr Vertrauen darin gewonnen habe, zu wissen, was ich tue und dass die Entscheidungen, die ich treffe, gut und richtig sind.

Dieses Grundvertrauen hat glaube ich eben dazu geführt, dass ich mittlerweile relativ schnell entscheide, v.a. wenn ich jetzt selber auf dem ersten Blick kein Risiko sehe, dann denke ich mir: Ja, passt schon, machen wir. Fertig. Früher aber war das ganz anders. Also da habe ich wirklich alles mögliche zerdenkt.

Deshalb würde ich sagen, mittlerweile bin ich sehr entscheidungsfreudig und sehr impulsiv und intuitiv, was das angeht. Ich höre auch sehr viel auf mein Gefühl, ob es sich gut anfühlt, oder nicht und höre auf mein Herz.

Welchen Rat möchtest du anderen Menschen geben, die vor einer schwierigen Entscheidung stehen?

Ich würde sagen, dass sich mutig sein auf jeden Fall immer lohnt. Denn mit jeder Entscheidung, sei sie noch so klein, entwickelst du dich weiter, ganz egal ob du am Ende einen riesigen Erfolg damit hast, oder gar keinen.

Und nicht jeder Weg ist gleich. Das ist auch etwas, dass ich mir selber auch immer wieder ins Gedächtnis rufen muss. Gerade auch in Verknüfpung mit Entscheidungen treffen. Dem einen wird vielleicht die selbe Entscheidung super leicht fallen im Vergleich zu dir, aber dass ist gar kein Grund sich zu schämen. Jeder hat einen anderen Startpunkt. Und so nützt es wirklich überhaupt nicht, sich mit anderen zu vergleichen.

Das ist auch etwas, dass ich immer anderen Introvertierten Menschen sage, die mir zum Beispiel auf Instagram schreiben und offen sagen, dass sie auch dahin möchten wo ich bin, und wissen wollen, wie ich es geschafft habe. Ich möchte wirklich jeden motivieren, sein Ding zu machen und seinen Träumen zu folgen, gerade auch andere Introvertierte Menschen wie ich selbst. Aber trotzdem bedeutet es nicht, dass mein Weg der einzige ist, der klappt. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen, denn es bedeutet ja auch Wachstum und den erlangt man nicht, wenn man einfach nur irgendeiner Anleitung folgt und sich mit anderen ständig vergleicht.

Jeder Weg ist einzigartig und irgendwo wird alles seinen Sinn haben. Deshalb darf man auch auf seine eigene Intuition hören, finde ich persönlich. Wenn ich nicht auf mich selbst gehört hätte, wäre ich sicherlich niemals an den heutigen Punkt gekommen.

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Hier kannst du Julia online finden:

Blog: The German Introvert

Podcast: Wunderbar introvertiert!

Instagram: @thegermanintrovert