Warum hast du angefangen, öffentlich über deine sozialen Ängste zu sprechen, Melina?

Heute kommt das vorerst letzte Interview auf meinem Blog, denn die kommenden werde ich von nun an in meinem neuen Podcast veröffentlichen, welcher im Januar online geht!

Doch erstmal zurück zu diesem Interview.

(Wenn du die vorherigen Interviews noch nicht gelesen hast und es jetzt nachholen möchtest, kannst du sie hier finden.)

Es war mir eine große Ehre, mit Melina von Vanilla Mind persönlich über ihre bisher mutigste Entscheidung zu sprechen, weil ich die Arbeit, die sie mit ihrem Mann Timon leistet, unglaublich bereichernd und wertvoll finde!

Viel Freude beim Lesen!

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Magst du dich kurz vorstellen?

Gerne. Ich bin Melina. Ich bin 32 Jahre alt, und 2014 habe ich das Magazin Vanilla Mind gegründet, das sich eher an zurückhaltende Menschen richtet, die mit mehr Mut und Selbstvertrauen durch den Joballtag gehen wollen.

Ein super Thema, das ja auch total viele anspricht!

Welche mutige Entscheidung hast du denn getroffen über die du erzählen möchtest?

Der mutigste Punkt für mich war anzufangen, öffentlich über meine sozialen Ängste zu sprechen. Das ist eine Sache, mit der viele ein Problem haben. Gerade im Business ist es so, dass du immer Stärke demonstrieren musst und nicht zeigen darfst, dass du auch verwundbar bist. Es geht immer nur darum, schneller, höher, weiter, erfolgreicher zu werden jeden Tag.

Ich glaube deswegen ist es so ein Punkt, wo viele für sich sagen: „Dann passt es nicht, wenn ich sage ‚Ich bin schüchtern,‘ oder ‚Ich fühle mich hier und da manchmal unsicher.‘ Das passt so vom Gefühl her irgendwie nicht zusammen.“

Und deswegen war das für mich eine mutige Entscheidung, als ich gesagt habe: Ich geh damit aber jetzt raus und ich sag das jetzt, wie es ist. Ich sage, dass ich nervös bin, bevor ich Interviews mache. Ich sage, dass ich nervös bin, bevor ich neue Leute treffe.

Was hat dich denn dazu bewegt, diese Entscheidung zu treffen? Also da wirklich rauszugehen und so ehrlich zu sein, dich so verwundbar zu machen?

Also, zwei Sachen. Ehrlicherweise, das eine ist Eigentherapie. Also in dem Moment, wo ich damit rausgehe und merke, da sind ja auch noch andere Leute, geht’s mir ja selber auch besser, weil ich mich dann nicht mehr für ein merkwürdiges Alien halte. Es ist einfach bis zu einem gewissen Grad auch normal, dass wir uns alle unsicher fühlen. Dass wir in manchen Situationen nicht vor Selbstvertrauen so strotzen. Und es ist auch wichtig, dass man darüber spricht. In dem Moment, in dem jemand das ausspricht, trauen sich auch andere zu sagen: „Boah, mir geht’s genauso.” Das ist doch schön, denn dann fühlen wir uns alle auch besser, weil wir auch eine Verbindung zueinander haben.

Das ist das eine. Deswegen sage ich immer dazu, es ist so ein bisschen auch Therapie für mich, weil mir das natürlich total gut tut. Aber das andere ist natürlich, dass ich anderen auch was von mir gebe, und sagen möchte: „Schau mal, hier bin ich. Ich weiß, dir geht’s vielleicht auch so. Ich stelle mich jetzt stellvertretend für die eher zurückhaltenden Menschen hier hin und sag, dass es mir so und so geht. Dass ich mich manchmal unsicher fühle. Dass es mir schwer fällt, dies zu machen, das zu machen. Wie lang der Weg war, bis ich mich selber so akzeptieren konnte, wie ich bin.“ Und das hilft natürlich vielen Menschen, wo sie sagen: „Wow, endlich sagt das mal jemand!”

Wie hat es sich denn für dich angefühlt, als du dann diese positive Rückmeldung bekommen hast?

Wahnsinn. Das ist ein ganz neues Gefühl von Freiheit. Das ist, wie wenn dir jemand eine riesige Last von den Schultern nimmt. Du musst bedenken, ich bin eigentlich ein Typ, der nicht viel Selbstvertrauen hat und immer sehr an sich gezweifelt hat. Und in dem Moment, wo ich dann erfahren hab: Wow, es gibt ganz viele Menschen, denen es so geht, und ich bin gar nicht alleine damit - ist das so eine Sache, die dann auch viel leichter wird zu akzeptieren.

Also es geht gar nicht darum zu sagen: „Ich arbeite jetzt nicht an mir.“ Überhaupt nicht. Natürlich wächst man jeden Tag und kann auch daran arbeiten, dass man mehr Selbstvertrauen im Umgang mit anderen Menschen lernt. Aber eben erstmal zu sagen: „Wow. Guck mal, es ist okay erstmal so, wie ich bin.“ Erstmal anzuerkennen, was alles da ist. Und davon ausgehend kann man dann ja auch den nächsten Schritt planen.

Stimme ich dir absolut zu! Kannst du denn beschreiben, warum diese Entscheidung für dich auch so mutig war?

Ich hatte das vorhin schon kurz angedeutet, weil es denke ich so eine Sache ist, mit dem „Schwäche zeigen.“ Das macht keiner gerne. Die meisten machen es eher nicht, weil sie sich sagen: „Was sollen denn andere von mir denken?”

Ich beobachte das auch häufiger bei Vanilla Mind LeserInnen und ZuhörerInnen von Still & Stark, die sich zu ihren Themen häufig nicht äußern. Auch mir gegenüber nicht, obwohl ich sogar die Person bin, die sagt: „Mensch, du kannst mit allem zu mir kommen. Mir geht es ja genauso.“ Aber es ist eben eine riesige Überwindung für viele, weil sie auch sagen: „Ich bin hier auf Social Media unterwegs. Vielleicht liest jetzt meine Kollegin, mein Kollege, mein Vorgesetzter, meine Chefin mit. Was denken die von mir, wenn ich mich zu diesem Thema äußere?“

Da ist immer diese soziale Angst, die dir im Nacken sitzt: Wer kann das jetzt alles lesen? Und was denken die dann über mich? Und dementsprechend ist es auch für mich eine Überwindung gewesen. Auch ich habe viel darüber nachgedacht, was andere dann von mir denken würden. Aber ich habe mir letzten Endes gedacht: Nee, mich wird das ein ganzes Stück freier machen, wenn ich einfach dazu stehe.

Ja, und es ist auch erstmal eine große Überwindung. Aber wenn man diese dann „überwunden” hat, kommt dann wirklich das Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit.

Genau. Ich hatte zum Beispiel immer Angst davor, von anderen verurteilt zu werden. Aber in dem Moment, wo ich die erste bin, die damit rausgeht, habe ich denen ja schon den Wind aus den Segeln genommen und gesagt: „Guck mal, ich bin so. Was willst du denn noch an mir angreifen?“ Oder: „Wenn du das doof findest, ja dann findest du das halt doof. Dann findest du das halt komisch, was ich bin und was ich mache. Aber das ist okay, weil ich stehe öffentlich dazu. Du kannst mir nichts.“ Und das ist ein ganz anderes Gefühl, weil ich dadurch selber Kontrolle über meine Geschichte habe.

Und du zeigst deine Stärke.

Ja, genau. In dem Moment spreche ich über eine vermeintliche Schwäche und mache sie in dem Moment zu einer Stärke.

Als ich dich online entdeckt habe, dachte ich auch: Endlich gibt es eine Person, die öffentlich darüber spricht und so ehrlich ist und sich traut, für andere darüber zu sprechen, wie es ist, schüchtern zu sein. Aber dann auch zu sagen, dass man die zurückhaltende und ruhige Art eben auch als Stärke nutzen darf.

Ich muss auch ehrlich sagen, natürlich ist die Schüchternheit besser geworden. Alleine dadurch, dass ich darüber spreche. Und dass ich auch sage, was mir schwer fällt - das ändert viel. Das macht es für mich sehr viel leichter, und das nimmt auch schon mal viel Druck. Aber trotzdem hab ich Situationen, wo ich innerlich total am Rad drehe und mich furchtbar unsicher fühle. Der Podcast ist auch so ein Beispiel. Immer wenn ich eine Person interviewe, die ich vorher noch nicht kannte, mit der ich dann das erste Mal spreche, dann geht bei mir innerlich natürlich alles ganz schön rund und bin super nervös. Ich weiß nicht, ob man das dann auch merkt, ist aber auch egal. Hauptsache ist, ich mache es dann in dem Moment.

Fühlt es sich dann auch richtig für dich an, diese Interviews mit dir noch unbekannten Personen zu führen, auch wenn diese Unsicherheit noch da ist?

Auf jeden Fall. Also erstmal denke ich natürlich darüber nach, inwiefern das, was ich mache, wertvoll und wichtig für andere ist. Also den Podcast mache ich auch nicht für mich persönlich. Den mache ich ja, um anderen Mut zu machen. Und dementsprechend habe ich natürlich immer erst vor Augen: Wie kann das andere unterstützen? Wie kann anderen das helfen? Und dann denke ich auch: Aber es ist natürlich auch wichtig für mich, dass ich Leute kennenlerne. Gerade wenn man eher schüchtern und zurückhaltend ist, dann lernt man vielleicht auch nicht so einfach Leute kennen, wie andere. Also zumindest für mich gesprochen, ist Leute kennenzulernen dann natürlich eine Herausforderung, weil man nicht gleich hier so freudestrahlend „Hurra“ schreit und auf andere zurennt. Und dementsprechend ist es natürlich auch ein Vorteil für mich, wo ich sagen kann: Mit dem Podcast komme ich mit vielen verschiedenen Menschen in Kontakt. Das ist auch für mich sehr wichtig und wertvoll.

Kann ich mir gut vorstellen! Ich kann mich da auch sehr gut hineinfühlen. Und ich finde es toll, dass du deinen Beruf so gestaltest, dass du auch dir damit was Gutes tun kannst, dich selber persönlich weiterentwickeln kannst.

Ich finde es auch total wichtig und legitim, dass man auch was von hat. Und natürlich steht an erster Stelle diese altruistische Erwägung: Was kann ich anderen geben? Denn ich weiß auch, dass es richtig glücklich und zufrieden macht, wenn man etwas geben kann. Wenn man nämlich sieht, wie sich andere über das freuen, was sie dann gelernt haben oder dass sie das berührt hat - das ist ja die größte Freude überhaupt. Von daher finde ich steht der Altruismus schon im Vordergrund. Aber es ist genauso richtig zu sagen: „Mensch, ich habe da auch was davon.“ Wir profitieren alle davon, für jeden ergibt sich daraus ein Gewinn, und das finde ich total gut und wichtig.

Absolut! Was hat denn diese ganze Entscheidung an sich auch für dich verändert, dadurch dass du rausgegangen bist und deine vermeintliche Schwäche zur Stärke erklärt hast?

In dem Moment, wo ich selbst darüber entscheide, was ich von mir preisgeben und wie ich meine eigene Geschichte erzählen möchte, gewinne ich auch Selbstvertrauen. Und ich merke eine Selbstwirksamkeit insofern, dass ich etwas bewegen und kontrollieren kann, wo ich mir vorher wie ein Opfer vorgekommen bin. Und das finde ich ist eine ganz ganz wichtige Erkenntnis.

Hat sich etwas in deinem Umfeld verändert, wo du jetzt auch selbstbewusster geworden bist?

Ja, auf jeden Fall. Persönliches Wachstum wirkt sich ja auf alle Bereiche aus. Also wenn du dich persönlich weiterentwickelst, dann betrifft es ja alle deine Lebensbereiche. Das berührt alles, weil es natürlich von Innen kommt. Deswegen hat sich das natürlich nicht nur im Job und in der Karriere geäußert, sondern auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die ich mit meiner Familie habe, mit meinen Freunden, oder auch dadurch, dass ich neue Freunde gewonnen habe. Das sind auf jeden Fall sehr wichtige Gewinne für mich gewesen.

Wie ging es dir denn, bevor du die Entscheidung getroffen hast? Also kurz bevor du wirklich beschlossen hast, du ziehst das jetzt durch und gehst damit raus an die Öffentlichkeit?

Also da muss ich mal kurz ins Jahr 2014 zurückspulen. Das war kurz nachdem ich meinen Job gekündigt habe in einem Verlag. Anfang 2014 bin ich dann zu meinem Mann Timon in die Selbstständigkeit gegangen. Und ein paar Monate danach kam dann so die Frage: Mensch, ich hätte ja jetzt ein bisschen mehr Zeit auch für ein Nebenprojekt - was mache ich jetzt? Und dann habe ich den Blog Vanilla Mind gegründet.

Erstmal ging es wirklich nur um so strategische Sachen, wie Zeitmanagement mit der Frage: „Wie organisiere ich meinen Alltag?“ In dem Zeitraum hat mich das beschäftigt, weil ich natürlich frisch selbstständig war und das gerade die Themen waren, die mir sehr wichtig waren. Und dementsprechend habe ich mich am Anfang darauf konzentriert. Aber dann kam immer mehr dieses Thema Schüchternheit dazu, weil ich gemerkt habe, dass es mich in der Selbstständigkeit blockiert.

Ich habe gemerkt, dass mir bestimmte Fähigkeiten fehlen, wie auf andere zuzugehen, aus mir rauszukommen und etwas von mir zu teilen. Das, was eben wichtig ist, damit ich auch überleben kann als Selbstständige, mal ganz auf die Basis runtergebrochen. Wenn ich es nicht schaffe, über meine Arbeit zu sprechen und immer nur betreten zu Boden schaue und keinen Blickkontakt mit meinen Klienten oder potentiellen Klienten halten kann, dann habe ich ein Problem. Und da habe ich einfach gemerkt, daran muss ich arbeiten.

Und gleichzeitig habe ich dann auch angefangen, darüber auf dem Blog zu berichten. Nicht nur über Produktivitätsthemen, sondern dann eben auch über soziale Fähigkeiten. Da habe ich natürlich gemerkt, ich habe hier selber eine riesige Baustelle. Das ist dann auch aus Eigennutz quasi so ein bisschen in die Richtung gegangen.

War es für dich dann auch eine Überwindung, dann den ersten Post zu veröffentlichen, wo du über deine Schüchternheit gesprochen hast?

Jaa, total. Ich hatte richtig Angst vor den Reaktionen des Internets. Aber das Gute ist ja eigentlich: In dem Moment, wo man gerade erst frisch startet, hat man ja noch gar nicht so diese große Sichtbarkeit, also es lesen nicht viele mit. Von daher ist das eigentlich auch sehr entspannt gewesen, dass das so langsam und organisch gewachsen ist.

Und jetzt kannst du sagen, du hast wirklich Erfolg damit! Wie hat denn dein Umfeld darauf reagiert, dass du offen über deine Schüchternheit sprichst und anderen dabei hilfst, ihre stille Art auch als Stärke zu sehen?

Ja, das ist eine spannende Frage. Über die habe ich auch länger nachgedacht in der Vorbereitung. Ich würde schon eher sagen positiv, aber auch sehr viel neutral. Also ich glaube ganz viele wissen immer noch nicht, was ich jetzt eigentlich genau mache. Das liegt daran, dass mein Freundeskreis nicht sehr digital unterwegs ist. Also die meisten sind nicht so stark in den sozialen Medien vertreten und verfolgen das nicht permanent, was ich auch sehr sehr gut finde. Das erdet mich persönlich, weil ich bin für mein Empfinden teilweise auch zu viel online unterwegs, wo ich dann auch merke: Okay, ich brauche da mehr Auszeit.

Aber der engste Familienkreis weiß natürlich Bescheid und die finden das auch super. Geben damit auch gerne an (lacht).

Schön, dass da auch Zuspruch von ihrer Seite kommt und sie stolz auf dich sind!

Negative Reaktionen hatte ich auch. Aber dann von Leuten, die mir überhaupt nicht wichtig sind. Natürlich muss ich sagen, das hat mich trotzdem getroffen, weil ich so ein People Pleaser bin, dem alle Meinungen irgendwie wichtig sind. Da arbeite ich daran.

Jedenfalls kamen schon vereinzelt Meinungen von Leuten, die das dann eben nicht toll fanden Aber, wie gesagt, das waren total vereinzelnde Geschichten, wo ich auch selber gedacht habe: Ach komm, weitermachen. Das muss dich echt nicht interessieren.

Ja, da ist auch Abgrenzung ganz wichtig. Du sagst ja auch, dass das Leute waren, die dir nicht so wichtig sind. Dann musst du dir das auch nicht zu Herzen nehmen.

Genau. Aller aller spätestens mit der ersten Buchveröffentlichung habe ich dann auch wirklich gecheckt: Es kann nicht jeder deiner Meinung sein. Geht einfach nicht. Es kann nicht jeder dein Buch mögen. Es kann nicht jeder deine Arbeit mögen. Es kann nicht jeder mich super sympathisch finden. Nicht jedem gefällt mein Schreibstil. Es ist einfach so. Und spätestens mit der ersten Buchveröffentlichung hat man das dann auch einfach nicht mehr in der Hand. Dann kommen negative Rezensionen - und das ist einfach so. Leb damit.

Aber das war wahrscheinlich auch nochmal so ein Prozess, das wirklich auch so anzunehmen, oder?

Genau, ja. In dem Moment ist mir das dann natürlich auch klar geworden. Das war jetzt nicht einfach, wo ich die erste negative Buchrezension gesehen habe. Die tut weh. Aber spätestens da musste ich dann auch lernen zu sagen: Natürlich kannst du hier nicht jeden Geschmack treffen. Selbst Schokolade mag nicht jeder.

Es ist auch wichtig, dass man dann lernt, diesen Fokus zu haben: Warum schaue ich jetzt auf diese ein, zwei negativen Stimmen, wenn doch hier auf der anderen Seite tausende von Leuten sind, die das total super finden? Konzentriere dich auf die. Ich weiß, wir haben diesen negativen Bias, bei dem wir halt wirklich auf diese negativen Sachen stärker achten, als auf positive. Ich glaube, das ist normal. So arbeitet unser Gehirn. Aber das können wir zum Glück auch steuern und lernen, dass wir sagen: „Okay, aber was ist denn hier wirklich gerade wichtig?“ Und das sind die Leute, die eben wirklich begeistert sind von dem, was man macht. Und das sind genügend.

Was bedeutet dir diese Entscheidung, diesen Schritt gegangen zu sein?

Also erstmal ist es mein Beruf geworden. Das ist etwas, das ich nicht absehen konnte. Ich komme ja eigentlich aus der Designbranche. Das mache ich auch immer noch sehr gerne. Es ist auch etwas, das ich niemals ablegen können werde, weil ich einfach ein kreativer Mensch bin und ich möchte immer irgendwie gestalten und Design machen. Es lässt sich zum Glück auch ganz gut mit dem verbinden, was ich jetzt mache. Ich kann ja meine eigene Website, meine Grafiken usw. alles noch selber machen. Aber das es meine Haupttätigkeit werden würde, Inhalte zu produzieren, die halt wirklich auf diese sozialen Ängste eingehen, damit habe ich nicht gerechnet. Das ist auf jeden Fall sehr spannend gewesen.

Mir hat kein Job vorher so viel Freude gemacht, wie das, was ich jetzt mache, weil ich das Gefühl habe, wirklich einen Sinn zu stiften. Natürlich macht mir auch meine Tätigkeit als Designerin Spaß. Ich hatte aber vorher in meinem Beruf als Angestellte nicht das Gefühl, dass ich einen großen Wert biete. Ich hatte immer das Gefühl, dass meine Meinung nicht gefragt ist und dass ich auch nicht wirklich das für die Kunden rausholen kann, was ich wirklich sehe, wo ihnen geholfen werden müsste, und was sie wirklich nach vorne bringen würde.

Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich nicht genug machen kann, obwohl ich noch genügend Ideen gehabt hätte, die auch wirklich geholfen hätten. Und das ist, was ich jetzt merke. Alleine dass ich sage: „Ich bin schüchtern und ich spreche da offen drüber,“ gibt schon so vielen Leuten so viel. Das ist total erstaunlich für mich. Und es ist auch etwas, das ich immer noch täglich verdauen muss, wo ich merke: Wow, ich muss gar nicht viel machen und die Leute fühlen sich verstanden. Und es ist wichtig für sie, dass es jemanden gibt, der das macht. Das gibt mir auch natürlich wieder viel.

Man denkt das manchmal auch gar nicht, aber es gibt sehr viel schüchterne Menschen. Also viele Menschen würden sich vielleicht selber gar nicht als sehr schüchtern bezeichnen. Doch es gibt immer die eine oder andere Situation, oder das eine oder andere Gebiet, wo man auch ein bisschen ängstlicher ist, als sonst. Zum Beispiel sind ganz klassische Themen natürlich Gespräche mit Vorgesetzten. Wer ist da nicht schüchtern?

Natürlich gibt es auch Leute, die da überhaupt keine Angst oder keine Panik haben. Aber es gibt eben schon viele Menschen, die auf dem einen oder anderen Gebiet schon eher ängstlich sind - vielleicht nicht in der krassen Ausprägung, wie das bei mir ist. Aber es ist halt ein Spektrum und viele können sich mit der einen oder anderen Situation identifizieren. Und das muss ich mir auch immer wieder vor Augen halten, dass es da draußen wirklich viele Menschen gibt, die diese Situation kennen.

Stimmt. Aber es sind auch viele dabei, die sich dann nicht trauen, offen darüber zu sprechen, aus Angst, sich verwundbar zu machen.

Ja, und dabei würde es ihnen sehr viel Freiheit geben. Ich denke auch manchmal so: „Mensch, es wäre so gut für dich selber, wenn du das machen würdest, weil es dir Macht gibt.“ In dem Moment, wo man diesen Teil von sich versteckt und sich nicht traut, da offen darüber zu sprechen, tut man sich ja auch selber etwas an.

Ich weiß es ist schwierig, gerade in einem beruflichen Umfeld, wo das von einem erwartet wird. Gerade wenn man auch sagt: „Ich habe vielleicht Personalverantwortung und was sollen diejenigen, die mir unterstellt sind, dann denken?“ Aber ich glaube, dass die meisten sehr positive Erfahrungen machen würden, wenn sie sich trauen würden.

Denke ich auf jeden Fall auch! Was ist dir im Leben wichtig?

Unabhängigkeit und Sinn. Also einmal natürlich zu sagen: Ich kann mir den Tag so gestalten, wie er für mich wichtig und wertvoll ist. Dass ich eben meine Ressourcen auch ausschöpfen kann. Das ist für mich zum Beispiel auch so eine Sache gewesen, wo ich nicht so gerne angestellt bleiben wollte, weil ich das Gefühl hatte, meine innere Uhr passt irgendwie nicht so zu dem, was in 9 to 5 Jobs gefragt ist. Deswegen ist mir diese Unabhängigkeit und Flexibilität total wichtig.

Wie gehst du allgemein mit Entscheidungen um?

Da hat sich interessanterweise die letzten Jahre einiges verändert. Ich habe Entscheidungen früher hauptsächlich rational getroffen, wobei das in Anführungsstrichen stehen muss, weil ich oft Entscheidungen getroffen habe nach dem Motto: Du ziehst das jetzt durch. Koste es, was es wolle.

Also diese Vernunftentscheidung zu sagen: Mir geht es zwar nicht gut dabei, mein Körper rebelliert schon, aber ich ziehe das jetzt durch, weil Disziplin so wichtig ist und weil am Ende dieses Weges der große Erfolg steht.

So habe ich früher Entscheidungen getroffen. Das ist eigentlich nicht wirklich rational und vernünftig. Aber es ist schon, wo der Kopf immer gesagt hat: „Das ist jetzt wichtig, dass du das jetzt durchziehst.“ Und das hat sich die letzten Jahre verändert, wo ich eben gelernt habe, wirklich Kopf und Herz, oder Kopf und Intuition und Bauchgefühl zu verbinden, weil die Frage, die ich mir stelle, ist ja immer: Was kostet mich das? Und: Ist es das wert? Und das ist immer so eine Abwägung, wo man sich ganz viel Zeit nehmen muss und nichts einfach irgendwie auf Biegen und Brechen durchziehen kann. Weil das habe ich für mich gemerkt.

Also ich habe ja Anfang 2014 gekündigt. So rein vom Körpergefühl her hätte ich das schon Jahre früher machen müssen, weil es mir wirklich schlecht ging. Und das ist so eine Sache, die ich dadurch gelernt habe: Achte nicht nur auf das, was rational vielleicht toll wäre, wo der größte Erfolg vermeintlich hintersteckt, sondern schaue, wie viele Ressourcen dir gerade zur Verfügung stehen. Kannst du überhaupt noch? Oder bist du am Ende zwar über die Ziellinie gekommen, aber nur noch kriechend?

Da ist auch wieder das Thema Abgrenzung ganz ganz wichtig.

Richtig, ja. Und deswegen frage ich mich bei Entscheidungen in der Regel immer: Was kostet mich das physisch, nervlich, zeitlich? Und ist es mir eigentlich wert? Es gibt auch Entscheidungen, wo mir Sachen angeboten werden, die ich total gerne machen würde, und die mir auch Spaß machen würden, aber wo ich mich dann fragen muss: Dient das deinen Zielen? Also was ist denn hier das größere Ziel und passt es dazu?

Das bedeutet, dass ich auch manchmal nein zu Dingen sagen muss, die ich gerne machen würde, aber mich eigentlich von dem wegführen, was das eigentliche Ziel ist. Die mich Zeit kosten und vielleicht auch ein bisschen Spaß machen, aber mich einfach nicht ans Ziel bringen. Und ich brauche diese Zeit und diese Ressourcen eigentlich für etwas anderes.

Gute Entscheidungen zu treffen ist eine Kunst, die sollte man unbedingt erlernen. Das braucht man wirklich jeden Tag. Jeden Tag ist es wichtig, Entscheidungen zu treffen, die nicht nur rational, sondern auch für die Intuition, für das Körpergefühl machbar sind.

Ja, und das kannst du auch nur erlernen, indem du auch Entscheidungen triffst. Anders geht es ja nicht.

Ich habe durchaus eine relativ starke Intuition, sonst hätte mein Körper mir sicherlich auch nicht so heftige Signale gegeben. Das Problem ist nur, dass wir das oft gar nicht bemerken. Ich war da einfach quasi auf einem Auge blind. Das ist wirklich so gewesen vor ein paar Jahren, dass ich dachte: Mensch, ich müsste jetzt wegen aller möglichen Sachen mal zum Arzt gehen, weil die Symptome immer mehr wurden. Magenkrämpfe morgens, schlechter Schlaf, zuckende Augenlider, Zähneknirschen. Und ich habe bei manchen Sachen einfach irgendwann gedacht: Mensch, jetzt musst du mal zum Arzt gehen. Vielleicht stimmt mit dir etwas nicht. Vielleicht hast du irgendeine Krankheit.

Ich war dann schneller dabei, organische Ursachen dafür zu suchen, und dabei ist es eigentlich eine Sache, wo vielleicht die Entscheidung mal getroffen werden muss. Es ist nicht in jedem Fall so. Natürlich gibt es auch organische Ursachen. Aber das ist etwas, das ich auch häufig beobachte, nämlich dass die Intuition vielleicht einfach so verschüttet ist oder ignoriert wird, dass man sich da erst ganz langsam wieder annähern muss. Das ist wie eine Beziehung, die man erstmal wieder fördern muss. Wie so ein kleines Pflänzchen, das man gießt und irgendwann richtet es sich wieder auf.

Welchen Rat möchtest du anderen auf den Weg geben, die gerade vor einer schwierigen Entscheidung stehen?

Ja, das ist wirklich dieses, dass man eben mit Kopf und Intuition zusammen arbeitet. Zusammen sind die beiden unschlagbar. Aber man muss eben auf beide hören. Also, was sind rationale Argumente dafür und dagegen? Es ist auch ganz wichtig, dass man sich mit anderen abspricht, und sie fragt: „Wie siehst du das? Wie empfindest du das?“ Verschiedene Perspektiven auf ein Problem zu sammeln. Man selber sieht ja manchmal nur eine - seine eigene. Aber dass man eben auch versucht, verschiedene Sichtweisen auf ein Problem zu bekommen. Das finde ich ganz wichtig, das ist dann die rationale Seite.

Und die Intuition ist dann diese Sache, wo man sagt, ich muss mir aber auch Zeit nehmen. Keine Entscheidung übers Knie brechen, sondern wirklich mir Zeit nehmen: Ich höre jetzt erstmal in mich hinein. Ist hier jemand? Sagt der was? Wie fühle ich mich? Empfinde ich Druck? Oder Scham? Oder Angst? Oder empfinde ich Euphorie und Vorfreude? Warum fühlt sich das richtig an? Warum fühlt sich das gut an? Also wirklich da rein zu gehen und das zu reflektieren.

Ich mach es auch mittlerweile, dass ich wirklich konkret jemanden bitte. Es ist ja manchmal so, dass man in einer Situation ist, wo man das Gefühl hat, man steht jetzt mit dem Rücken zur Wand und man muss sofort eine Entscheidung treffen. Aber dafür auch immer zurückzufragen: „Hey, bis wann brauchst du denn die Entscheidung?“ Häufig wird einem zwar das Gefühl vermittelt, es ist jetzt alles ganz wichtig und dringend, aber man kriegt durchaus nochmal Zeit, wenn man danach fragt.

Wenn ich zum Beispiel mit jemandem gerade im Gespräch bin, so wie mit dir jetzt in einem Video Call, oder so und du fragst: „Möchtest du dies oder das?“ Ich kann dir das so schnell nicht beantworten. Das ist Typsache, aber ich muss Entscheidungen in Ruhe treffen. Ich muss erstmal noch darüber nachdenken, was wir jetzt gerade besprochen haben, und dann kann ich darauf basierend ja oder nein sagen. Aber wenn jetzt zum Beispiel jemand vor mir stehen würde und würde sagen: „Willst du das kaufen - ja, oder nein?“ Dann würde ich immer erstmal nein sagen, weil mir das zu viel ist. Das würde mich direkt überfordern.

Ich finde den Punkt auch ganz gut, andere zu fragen, bis wann man die Entscheidung treffen muss. Das nimmt einem selber auch nochmal den Druck weg und die andere Person kann nochmal selber in sich gehen und sich fragen, wie dringend ist denn das jetzt eigentlich?

Ja. Das war für mich total wichtig, dass ich das für mich einfach so in der Hinterhand oder im Hinterkopf behalte: Frag immer nochmal nach. Immer nochmal fragen. Meistens ist das nicht in Stein gemeißelt.

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Mehr zu Melinas und Timons Arbeit findest du auf ihrer Website. Dort findest du u.a. sowohl das Vanilla Mind Magazin, als auch ihr vor kurzem gelaunchten Shop Still & Stark und den gleichnamigen Podcast der beiden!

Photocredit: Franzi Schädel