Mutige Entscheidungen: Nina gab ihre Jobs als festangestellte Designerin auf und machte sich als Modedesignerin und Stylistin selbstständig

Hier in meiner Wochenserie #menschendiemutigeentscheidungentreffen teile ich Geschichten von Menschen mit dir, die mutige Entscheidungen getroffen haben. 
Warum? Weil ich dich und andere dazu inspirieren möchte, deinen Weg zu finden und zu gehen. Ich möchte durch diese Geschichten dich und andere ermutigen, weniger an den eigenen Zweifeln und Ängsten festzuhalten, sondern es einfach mal zu wagen.



Heute geht es mit Nina Nergadze weiter.

Nina meldete sich nach meinem Aufruf entschlossen mit den Worten: „jap, that's me” bei mir und hat sich bereit erklärt, mit mir über ihre mutigen Entscheidungen zu sprechen. Sie schrieb mir zwar nicht, was denn ihre mutige Entscheidung sei, die sie mit mir teilen möchte. Aber ich hatte die leise Ahnung, dass es um ihren beruflichen Weg geht, weil sie mir auf Instagram nicht unbekannt ist. Und schließlich hatte ich Recht:

Erzähl mal, in welcher Branche hast du gearbeitet und was machst du jetzt?

Ich habe in der Modeindustrie gearbeitet. Angefangen habe ich als Freelance-Designer für Teamdress in Hamburg, während ich studiert habe. Teamdress ist ein Unternehmen, das industrielle Kleidung macht, also für Krankenhäuser, für Feuerwehr etc. Kleidung, die speziellen Ansprüchen gerecht werden muss. Es geht also weniger darum, was modisch und aktuell ist, sondern dass die Kleidung die Menschen schützt. Es war sehr interessant und hat mich sehr viel gelehrt. Weil man ja während des Studiums normalerweise in hohen Wolken unterwegs ist, in ganz hohen Phantasien, und gerade solche Arbeitskleidung zu entwerfen und zu machen, das erdet einen.

Danach bin ich zu Hugo Boss gegangen und über 6 Jahre in verschiedenen Abteilungen gearbeitet - von Businesswear Anzügen, bis Sportswear Funktionalkleidung, Freizeitkleidung, Material und Konzeptentwicklung - sowohl für Damen als auch für die Herren.

Und später bin ich noch zum Theater Kiel gekommen, wo ich in der Kostümabteilung reinschnuppern konnte und bei ganz tollen Opern und Ballettstücken dabei war, wie „Die Krönung der Poppea“, „Die Stumme von Portici“ und „Aida“. Ich konnte sehr interessante Persönlichkeiten kennenlernen, die aus verschiedenen Ländern zu uns kamen und als Gäste bei Theater Kiel auftreten. Dadurch konnte ich die Kleidungsindustrie wieder von einem anderen Blickpunkt betrachten und meinen Horizont erweitern. Hier geht es eben nicht um Mode, sondern um Bühne.

Und ja, jetzt habe ich mich vor Kurzem selbstständig gemacht und möchte mein Wissen für die Selbstständigkeit nutzen. Ich arbeite im Moment an zwei Projekten, in beiden geht es um Nachhaltigkeit: „Modemacher“ vermittelt Fachwissen an Mode Startups und Unternehmen und unterstützt diese dabei, ein nachhaltiges, stylisches, von Grund auf gutes Produkt zu erschaffen. „Stilfinder“ vermittelt Wissen an Privatpersonen rund um nachhaltige Kleidung und unterstützt diese dabei, nachhaltig Mode einzukaufen. Ganz nach dem Motto - weniger ist mehr.

Ich bin ein sehr großer Fan von Marie Kondo, die dafür steht, dass es nicht um die Quantität geht, sondern um Qualität und dass man jedes Kleidungsstück oder Produkt, das man besitzt, lieben sollte. Statistisch tragen wir nur 20 % der gekauften Kleidung und die 80% hängt unbenutzt irgendwo rum. Das möchte ich ändern, keine unnötigen Fehlkäufe mehr.

Ich denke ich habe meine Jobs gekündigt, weil ich das Gefühl hatte, ich kann viel mehr. Ich hatte das Gefühl, dass ich meine Vielfalt, mein Wissen und meine Leidenschaft nicht zeigen kann. Und es war ganz schwer zu entscheiden, dass ich lieber diese sichere kleine Zone verlasse, die nur einen Bereich meines Wissens nutzt, und in die komplette Unsicherheit gehe, wo ich nicht weiß, ob überhaupt das Wissen, das ich zu anbieten kann, gebraucht wird.

Wie hat denn dein Umfeld darauf reagiert, dass du in die Selbstständigkeit gehen wolltest bzw. gegangen bist?

Ich bin auf viel Unverständnis gestoßen und ich möchte kurz erklären warum. Normalerweise, wenn man einen Job wechselt, oder wenn man von einer Firma in die andere wechselt, dann ist es ja aus einem Grund, oder aus Not heraus, weil irgendwas nicht funktioniert hat. Wenn man sagt, „mir gefällt es hier nicht, ich werde schlecht bezahlt, oder ich muss zu viel arbeiten - deswegen kündige ich!“ - das versteht sofort jeder. Bei mir war das anders, ich habe es rein aus freien Willen getan, aus idealistischen Gründen. Ich spürte das Calling und sagte mir: Okay, ich spüre, dass mir etwas mitgegeben wurde, was jetzt ans Tageslicht kommen möchte. Genau das war schwierig meiner Familie und auch den Freunden und Kollegen zu erklären.

Ich bin einfach neugierig und freiheitsliebend und ich möchte jetzt mal probieren, was ich selber erschaffen kann, ob es klappt oder nicht, ist eine andere Sache. Diese Art des Freiheitsdrangs ist viel schwieriger zu erklären und man stösst auch auf mehr Widerstand. Am Anfang war es schwierig, nach und nach habe ich mehr Zuspruch erfahren. Ich bin auch meinem Vater sehr dankbar, er war von Anfang an mein Fan und fragte, wie er mich unterstützen kann, anstatt mich zu kritisieren. Das ist selten. Meine Mom ist mittlerweile auch zum Projektpartner geworden, mit der ich neue Projektideen besprechen kann. Dafür bin ich sehr dankbar.

Und wie gehst du damit um, dass du auf so viel Unverständnis gestoßen bist?

Wenn man in ein neues Land zieht, so fühlt man sich wenn man ein neues Projekt startet, bzw. sich selbstständig macht. Man fühlt sich alleine, losgelöst von einer Situation, die vorher sehr sicher war - es erscheint alles neu und unsicher. Sich mit den richtigen Menschen zu umgeben, ist der Schlüssel. Was mir sehr geholfen hat, war mich nach ähnlichen Communities umzuschauen. Nach Menschen umzusehen, die eben in der gleichen Situation sind. Es gibt hier in Kiel eine tolle Startup Community, in Starterkitchen und Anscharcampus traf ich Menschen, die mich inspiriert haben. Allgemein das Mindset und der Zusammenhalt der Startup Szene ist stark, das hilft. Niemand muss ganz alleine die Karre aus dem Dreck ziehen, wir können uns gegenseitig dabei helfen.

Hattest du denn gewisse Zweifel, den Job dann auch zu kündigen? Oder war es für dich ganz klar: Ich muss das jetzt machen?

Ich hatte sehr lange, ungefähr zwei Jahre, diese Gedanken im Hinterkopf. Es ist unsicher und eigentlich traust du dich nicht, diesen Sprung zu wagen, aber auf der anderen Seite, kannst du auch nicht aufhören darüber nachzudenken. Klar waren Zweifel mit dabei während der Entscheidungsfindung. Aber irgendwann, als die Gewissheit an die Oberfläche kam und ich die Entscheidung traf, da gab es keine Zweifel mehr.

War da auch kein Gedanke, von wegen: „Jetzt habe ich das gemacht, ich hoffe ich bereue das jetzt nicht?”

Irgendwo im tiefsten Inneren ist der Gedanke immer da. Man kann nicht leugnen, dass es vielleicht doch die falsche Entscheidung sein könnte, aber nur zu 5%. Die restlichen 95% sind die sicheren Gedanken, dass es die richtige Entscheidung war. Auch, wenn ich im Moment nicht weiß, wie es weitergeht.

Das freut mich auf total für dich! Was hat denn die Entscheidung für dich verändert?

In die Selbstständigkeit zu gehen ist der beste Weg, sich kennenzulernen. Man ist auf einmal ein Ein-Mann-Unternehmen. Ich habe ganz pragmatische Sachen gelernt, wie ich mit Zahlen umgehe und wie ich Businesspläne schreibe, wie ich Steuern berechne und mit Finanzamt kommuniziere.

Das sind alles Dinge, die absolut nichts mit meinen Stärken zu tun haben. Ich habe das alles gelernt und habe entdeckt, dass ich gut darin bin! Wie toll ist das denn bitte?

Was bedeutet dir denn diese Entscheidung?

Ich sehe es wie großes Vertrauen in mich, Vertrauen in meine Fähigkeiten. Der Blick richtet sich nach Innen statt Aussen. Es geht nicht mehr darum, Geld gegen Zeit zu tauschen, sondern nachzudenken, wie ich ein Mehrwert für die Wert schaffen kann. Der Blick ruht auf mir, es geht um mich.

Und die Beziehung zu einem selbst ist ja auch die wichtigste, die man hat.

Absolut. Zudem ist es mir sehr wichtig, dass Menschen respektvoll miteinander umgehen und sich gegenseitig zu schätzen wissen. Und es ist leider so, dass die Modeindustrie ziemlich taff ist. Es geht primär um Materialismus, Geld, Ziele erreichen, alles oberflächlichen Themen. Man kann sich schnell darin verlieren. Die Modeindustrie ist eine schöne Maske, eine Welt voller Phantasien und Versprechungen an die Kunden. Für hochsensible Kreative ist die Branche sehr hart.

Selbständigkeit hat viele Vorteile. Klar arbeitet man hart und viel, aber man kann selbst entscheiden woran und in welchen Umfang. Und das Beste ist - dein Erfolg wird von deiner Leistung bestimmt und nicht von deinem Vorgesetzten.

Dennoch ist die Selbständigkeit eine große Entscheidung. Die größte Entscheidung, die ich jemals getroffen habe, war es zu kündigen und in eine neue Stadt zu ziehen, nach Kiel zu ziehen, anzufangen mir ein neues Leben aufzubauen. Diese Entscheidung schlug hohe Wellen und beeinflusste nicht nur mein Leben, sondern auch das Leben meiner Familie und Freunde.

Was hat dich denn überhaupt nach Kiel gezogen?

Ich bin hier zur Schule gegangen, als ich klein war. Also kannte ich die Stadt und wusste, Kiel ist keine typische Großstadt, sondern hat eine besondere gemütliche Atmosphäre. Man kann gut vom Trubel und Chaos flüchten. Und irgendwie wollte ich genau das. Ich wollte zu einem Ort, der wie ein Nährboden für mich ist. Wo ich die Ruhe finde und die Möglichkeit habe, den Blick nach Innen zu richten. Ich wollte nicht die Stimmen der Stadt hören, sondern meine eigene.

Fast vier Jahre war ich in Hamburg, hab in Hamburg studiert und alle haben mich dazu ermutigt, nach Hamburg zu gehen. Auch eine große Entscheidung, die aber sehr intuitiv und ohne großes Nachdenken gefallen ist, dass ich eben nicht nach Hamburg gehe, sondern nach Kiel. Und es fühlt sich immer noch gut an, ganz komisch.

Manchmal ist das Bauchgefühl dann stärker und ich persönlich finde es auch ganz wichtig, dass man oft dem Gefühl geht. Manchmal kann man es sich einfach nicht erklären, weil es einfach nicht rational ist, sondern es ist letztendlich einfach das Gefühl, das einen sagt, ob es uns gut oder schlecht damit geht. Und wenn du eine Entscheidung triffst und du hast ein total schlechtes Gefühl damit, dann ist es eigentlich schon ein Indikator dafür, dass es vielleicht doch nicht das ist, was dich jetzt nachhaltig erfüllt.

Alles womit wir uns umgeben, spiegelt uns wieder. Angefangen von der Wohnung und Einrichtung bis zu der Stadt, in der wir leben. Es geht darum, sich zu fragen: Was sind denn meine Werte? Was gefallt mir? Also was ist für mich schön? Ist zum Beispiel Großstadt schön für mich?

Ich bin ein Naturmensch. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und werde Landliebe immer im Herzen tragen. Hier bin ich am Meer, es gibt Steilküsten und Wildstrände, was will man mehr? Das ist der Wahnsinn. Und ja, ich denke es geht darum, sich kennenzulernen und dahin zu gehen, was einem wohlfühlen lässt.

Wie gehst du denn allgemein mit Entscheidungen um?

Mir fällt es nicht so einfach, Entscheidungen zu treffen. Aber gerade deswegen versuche ich diese möglichst schnell zu treffen. Dann hab ich’s hinter mir. Ich habe gelernt, je länger ich mich mit einer Entscheidung beschäftige, desto komplizierter wird sie für mich. Also es ist, als würde man im Papierkram wühlen. Und je mehr ich wühle, desto weniger finde ich das Dokument, das ich brauche. Deswegen, einfach mal reingreifen und das Dokument irgendwie rausziehen, auch wenn es nicht das Richtige ist. Korrigieren kann man immer. Wie schwer mir eine Entscheidung fällt ändert sich auch, je nach Tagesform.

Meinst du denn, dass du mehr rationale Entscheidungen triffst, oder nutzt du deine Intuition auch ganz stark?

Ich bin ein intuitiver Entscheider, absolut. Dennoch glaube ich daran, dass die Intuition sowohl den emotionalen als auch den rationalen Stand der Dinge beinhaltet. Wenn man der Intuition folgt, ist sie auch rational immer die richtige, weil natürlich auch die rationalen Gedanken mit einfließen, ohne dass wir es bewusst merken.

Würdest du dich denn insgesamt als eine entschlossene oder eher unentschlossene Person bezeichnen?

Entschlossen auf jeden Fall. Die Zielfindung fällt mir manchmal schwer, aber sobald ich ein Ziel habe, ist der komplette Weg der Umsetzung für mich kein Thema. Egal wie kompliziert es sein mag. Wenn ich weiß, was ich möchte, egal wie steinig der Weg ist, mache ich alles. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Ich bin eine kreative Person und habe nichts mit Zahlen am Hut. Und trotzdem jeden Monat setze ich mich mit Finanzamt Unterlagen auseinander. Ich mach das wirklich gerne. Es wundert mich selber, wie es sein kann, dass ich das gerne mache. Irgendwann ist mir klar geworden: Ich mache es gerne, weil das einfach ein Teil von meinem Projekt ist. Es gehört halt dazu und dieser Gedanke hilft mir auch die unangenehmen Seiten, sozusagen entschlossener zu gehen.

Was ist dir denn in deinem Leben wichtig?

Das wichtigste in meinem Leben ist, glücklich zu sein. Nicht gebunden zu sein an irgendetwas, an keinerlei Gegebenheit. Sondern einfach für sich möglichst ein einfaches Leben zu leben und glücklich zu sein. Sich zu lösen von äußerlichen Gegebenheiten, die bestimmen, wie ich mich fühle. Das ist mir am wichtigsten.

Welchen Rat möchtest du anderen auf den Weg geben, die gerade vor einer schwierigen Entscheidung stehen?

Was mir geholfen hat, ist, sich ein bisschen von der Entscheidung zu distanzieren, ein bisschen beiseite zu treten und mich inspirieren zu lassen. Was würden meine Vorbilder in dieser Situation tun? Distanz zu der Entscheidung, eine Weile den Kopf abschalten, hilft auch. Danach hat man ein leichteres Spiel.

Ich benutze ein tolles Tool von Laura Seiler. Man stellt seinen eigenen Vorstand auf und ist selber der Vorstandsvorsitzender. Man kann sich einen imaginären Tisch vorstellen, bestückt mit eigenen Vorbildern, bei denen man sich Rat einholt. Das hilft bei der Entscheidungsfindung. An meinem Tisch sitzen z.B. unter Anderen der Dali Lama, Tom Ford und Robin Williams.

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Nina inspiriert als Modedesignerin und Stylistin andere darin, das Design zu finden, das ihre Persönlichkeit unterstreicht und sie glücklich macht. Mehr Infos zu ihr findest du auf ihrer Website.