Warum hast du wieder komplett bei Null angefangen, Sarah?

Hier folgt ein weiteres Interview meiner Serie #menschendiemutigeentscheidungentreffen!

Wenn du die vorherigen Interviews noch nicht gelesen hast und es jetzt nachholen möchtest, kannst du sie hier finden.

Sarah ist Virtuelle Assistentin und betreibt den Blog Losprobiert, auf dem sie sowohl ihre eigenen Losprobiert-Geschichten, als auch die von anderen teilt - also ähnlich wie mein Format hier. Dort findest du auch eine Losprobiert-Geschichte von mir, in der es um meinen Schritt geht, mich als Coach selbstständig zu machen.

Hinter der Tatsache, dass Sarah nun als Virtuelle Assistentin arbeitet, steckt eine wirklich mutige Entscheidung. Welche es ist, und welche Erfahrungen sie gemacht hat, darüber haben wir in diesem Interview gesprochen. Viel Freude beim Lesen!

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Wer bist du? Was machst du? Und welche mutige Entscheidung hast du getroffen?

Ich bin Sarah. Ich bin 25 Jahre alt und habe schon ein paar verrückte oder außergewöhnliche Sachen auch gemacht. Das war vor allem letztes Jahr, als ich meinen Job gekündigt habe. Ich habe Wirtschaftsinformatik studiert und das auch gerne gemacht. Ich weiß, ich kann das und bin gut darin. Ich hatte dann einen wirklich guten Job, aber ich habe mehr und mehr gemerkt, dass ich bin im Großkonzern nicht so richtig bin. Da bin ich immer wieder an den Prozessen gescheitert, an den „Du kannst das so nicht machen, weil wir das schon immer anders machen.“

Dabei ging es immer viel ums Geld und da hatte ich auch so meine Schwierigkeiten damit. Und außerdem wollte ich sowieso nochmal die Welt sehen. Also habe ich den Job gekündigt und mich für einen Freiwilligendienst beworben. Eigentlich habe ich mich sogar zuerst beworben und als ich die Zusage für den Freiwilligendienst hatte, habe ich mir gesagt: Okay, gut, jetzt kündigst du deinen Job.

Vielleicht hätte ich meinen Job auch behalten können und trotzdem den Freiwilligendienst machen, das weiß ich gar nicht. Das stand für mich nie zur Debatte, weil ich gesagt habe: Ich will den Cut. Ich will dann gehen. Ich will diese 10 Monate in Indien machen in einem Mädcheninternat. Und danach quasi nochmal komplett bei Null starten. Es war schon auch von Anfang an so geplant, dass es dann nicht zurück geht in die Festanstellung.

Was war denn dein größter Motivator zu sagen: „Ich fange wieder bei Null an“?

Ich hatte im Studium ein Auslandssemester gemacht, und währenddessen habe ich Travelblogs entdeckt. Und dabei habe ich entdeckt, dass es auch andere Lebensentwürfe gibt. Das war mir vorher nicht klar. Also ich hatte vorher immer im Kopf dieses: Du musst studieren, du musst arbeiten, Baum pflanzen, Haus bauen, Kind kriegen - sowas alles. Und da hatte ich zum ersten mal gesehen: Hey, es geht auch anders! Es gibt auch Leute, die verdienen Geld damit, dass sie um die Welt reisen. Es gibt Leute, die sind viel freier in dem, was sie tun. Die können völlig frei über ihre Zeit, darüber, wo sie sind, entscheiden.

Und irgendwie war das für mich so ein Klick, wo ich gemerkt habe: Ich will das auch. Also ich wusste irgendwie, dass ich dafür geschaffen bin. Während diesem – meinem zweiten – Auslandsaufenthalt, habe ich gemerkt: Das soll nicht der letzte bleiben. Ich hatte noch zehntausend Pläne zum Reisen. Und das geht nicht, wenn du in einem festen Job arbeitest. Deshalb war mir relativ schnell klar: Ich muss mir nochmal was anderes aufbauen. Ich muss mir was aufbauen, das zu meinen Bedingungen laufen kann. Das war meine Motivation.

Hattest du denn auch Ängste, die du in dir getragen hast, bevor du die Entscheidung getroffen hast? Und gab es Dinge, die es dir nicht so leicht gemacht haben, die Entscheidung zu treffen?

Ja, klar. Also man gibt ja irgendwie sein ganzes Leben auf. Ich hatte mir in den Jahren davor nochmal einen Freundeskreis in einer neuen Stadt aufgebaut. Und da wusste ich auch: Wenn ich da jetzt gehe, komme ich nicht wieder. Das hätte einfach keinen Sinn gemacht.

Ich war mir auch nicht so sicher, wie mein Bekannten-, Kollegenkreis, oder auch Familienkreis darauf reagieren wird. Also sie wussten schon immer, dass ich da in der Richtung ein bisschen anders unterwegs bin als andere, weil ich mehr Freiheit brauche und mehr probieren will. Aber ich glaube sie alle haben ein bisschen gehofft, dass sich das irgendwann legt. Und ich hatte natürlich Angst, dass wenn ich dann sage: „Ja, das wird alles nur noch schlimmer“, dass sie dann nicht so davon begeistert sind.

Und wie war es letztendlich? So wie du es befürchtet hast?

Nein, gar nicht. Also es haben eigentlich wirklich alle gesagt: „Mach das!“ Ganz viele haben gesagt, sie verstehen es nicht und würden es selbst niemals tun, aber sie wissen, warum ich es mache. Sie kannten mich einfach gut und lange genug, um zu wissen, dass ich das brauche und dass ich das machen muss. Das war echt überraschend.

Und selbst Kollegen, mit denen ich gar nicht so viel zu tun hatte, haben gesagt, sie finden das total gut und total mutig. Manche haben mir auch jetzt während der ganzen Zeit E-Mails geschrieben und Kontakt gehalten. Eigentlich völlig verrückt! Da hätte ich nie damit gerechnet.

Echt schön, dass du diesen Rückhalt und die Bestätigung dann auch bekommen hast! Weil sie, wie du sagst, dich kennen und sie konnten nachvollziehen, weshalb du es machst und sich nicht auf ihre Meinungen und persönlichen Erfahrungen oder Vorstellungen bezogen, sondern dann mehr auf dich eingegangen sind. Das ist wirklich schön!

Das war für mich auch überraschend, wie sehr man es mir trotzdem angemerkt hat, dass für mich dieses klassische Modell nicht das richtige ist. Es haben alle durch die Bank gesagt: „Ja, du musst es machen. Zu dir passt das. Und du kannst das!“ Mir haben auch ganz viele gesagt, wenn das jetzt jemand anderes machen würde, wären sie total skeptisch. Aber dadurch, dass ich es war, hat das einfach gepasst. Das fand ich spannend, wie man das so unbewusst nach Außen kommuniziert.

Wie hast du dich denn gefühlt, als es dann soweit war, dass du z.B. die Flugtickets nach Indien gekauft hast?

Die Flugtickets kamen tatsächlich sehr spät. Das lief alles über die Organisation, bei der ich den Freiwilligendienst gemacht habe. Das war schon ein bisschen spannend, weil ich drei Monate Kündigungsfrist hatte, also ich habe im April gekündigt zu Ende Juli. Und ich wusste im Endeffekt im August, ob es endgültig klappt. Denn für den Freiwilligendienst braucht es ein Visum und da kann immer mal etwas schief gehen.

Das Visum habe ich dann aber am 22. August bekommen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon keinen Job mehr. Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob ich jetzt eigentlich verrückt geworden bin. Aber irgendwie wusste ich auch, selbst wenn es nicht geklappt hätte, wäre die Kündigung der richtige Weg gewesen.

Hast du also schon Zweifel gehabt, ob es jetzt wirklich das richtige ist, was du tun sollst?

Ja, schon. Es war ein verrückter Schritt. Es war ein großer Schritt, der auch nicht so bekannt war. So einen Freiwilligendienst machen sonst zu 95% Abiturienten oder vielleicht noch Leute, die gerade mit dem Studium fertig geworden sind. Aber dass jemand dafür wirklich kündigt, um so etwas zu machen, diesen Prozess gibt es nicht - weder vom Arbeitsamt, noch vom Finanzamt, und was noch so alles dranhängt. Das gibt’s da einfach nicht, das musst du alles alleine herausfinden.

Ja, das fehlt uns hier auf jeden Fall!

Wie war es denn in Indien? Wie lange warst du da letztendlich?

Ich war am Ende sechs Monate dort. Wie gesagt, eigentlich wären es zehn geworden, aber dann kam Corona dazwischen und dann mussten wir alle nach Hause. Aber es war sehr, sehr schön. Also super interessant auch. Ganz viele Erfahrungen, die du so sonst überhaupt gar nicht machst. Schon allein ohne fließendes Wasser auszukommen oder dass in dem Internat, wo ich war, über hundert Mädchen im gleichen Raum schlafen.

Schwer sich das vorzustellen, wenn man in Deutschland lebt und hier die Verhältnisse nochmal mit Sicherheit ganz anders sind, als dort.

Also es ist schon völlig anders. Ich meine, wir wurden da schon ein Stück weit darauf vorbereitet, was uns erwartet. Aber man stellt sich das, wenn man das hört, so problematisch vor. Also so, als wäre alles ein Problem und allen dort geht es total schlecht. Aber das ist gar nicht so. Die Leute dort haben eben ihre Wege gefunden und sich arrangiert. Für die ist das alles normal und du steht von Außen daneben und denkst dir: Krass.

Ich will das alles auch nicht romantisieren, weil es ist nicht so, dass sie alle glücklich sind und nicht mehr brauchen. Jeder dort würde sich natürlich über fließendes Wasser freuen. Das war dann auch in Zeiten von Corona sehr skurril. Überall hörst du: „Wascht euch regelmäßig die Hände“, wo ich mir dann dachte: Wie erkläre ich das jetzt den Mädels? Wie wäschst du dir denn 20 Sekunden die Hände ohne fließendes Wasser?

Wie sah denn deine Tätigkeit aus? Was hast du denn da genau gemacht?

Viel war ich einfach nur da. Dort gab es bis letztes Jahr nur eine Aufseherin, inzwischen gibt es zwei. Aber die sind da 24/7 für über hundert Kinder. Die Mädels sind dadurch unfassbar selbstständig, also wirklich. Die machen alles allein.

Aber klar freuen sie sich über die Aufmerksamkeit auch. Wenn jemand da ist zum Spielen, zum Lesen, zum Lernen. Deshalb war ich einfach viel im Alltag dabei. Da habe ich zum Beispiel in der Hausaufgabenzeit mit den Kleinen ein bisschen Matheaufgaben gemacht oder abends mit den Großen ein wenig English geredet.

Englisch war auch wichtig. Die Mädchen haben ja sonst keinen Bezug zu den Fremdsprachen. Durch mich und die anderen Freiwilligen vor mir haben sie überhaupt erst zum ersten Mal verstanden, wofür man Fremdsprachen braucht.

Im Büro habe ich auch mitgeholfen - es gab einen Computer. Ich hätte ihnen auch Computerunterricht in den Ferien geben sollen, aber die waren erst im April und im März musste ich schon gehen.

Hat denn die Erfahrung etwas für dich verändert?

Mit Sicherheit. Ich glaube man merkt das selbst gar nicht so sehr. Man fängt schon an, die Dinge anders zu sehen und nochmal anders zu wertschätzen. Aber andere Dinge. Zum Beispiel ist Wasser so ein Thema, da hätte ich gedacht, dass ich es mehr zu schätzen wüsste jetzt. Da habe ich vor allem gelernt, dass es auch mit viel weniger geht.

Aber so andere Sachen, so Sozialsysteme, Gesundheitssysteme, das habe ich wirklich zu schätzen gelernt. Wieder das Beispiel Corona. Die Eltern der Mädchen arbeiten als Tagelöhner. Denen ist von einem Tag auf den anderen das Einkommen weggebrochen. Und die haben keine Corona-Soforthilfen. Drei Monate haben sie überhaupt kein Geld bekommen und mussten selbst schauen, wie sie überleben. Das kann man sich in dem Ausmaß nicht vorstellen in Deutschland.

Denkst du noch oft an sie und wie es ihnen jetzt gerade gehen könnte?

Ja. Also gerade jetzt. Ich denke das ist schon auch die Situation, weil die gerade überall schwierig ist und dort natürlich nochmal viel mehr. Kontakt halten ist auch schwierig, weil die meisten Mädchen keine Handys haben.

Das geht einen ja auch ganz schön nah, weil man die Personen auch kennengelernt und so viel Zeit mit ihnen verbracht hat.

Ja.

Was bedeuten dir diese Erfahrungen?

Es ist schon nochmal ein ganz anderer Teil von mir, wo ich auch weiß, dass das glaube ich nur Wenige verstehen. Natürlich kann man davon erzählen, aber es ist nicht wie wenn man mal da war. Dadurch ist es mir schon sehr wichtig, dass ich das jetzt auch nicht vergesse, weil ich die bin, die es erfahren hat. Ich bin die, die die Erfahrungen gemacht hat. Und wenn ich das schon vergesse, dann werden die Leute, denen ich das erzählt habe, das noch zehnmal vergessen. Und das darf einfach nicht passieren.

Ich finde es auch unglaublich wichtig, dass auch die gehört werden, die selber nicht die Möglichkeit haben, ihre Stimme zu erheben.

Ja.

Wie ging es dir denn, als du wieder nach Deutschland gekommen bist? Wurde denn ganz plötzlich entschieden, dass du nach Hause musst?

Ja. Das war schon schlimm. Ich meine, man kriegt das natürlich mit. Zu dem Zeitpunkt war es aber so, dass die Zahlen in Deutschland hoch waren und die in Indien nicht. Außer mir waren noch sechs andere Freiwillige mit der gleichen Organisation in Indien, aber an anderen Orten. Erst hieß es, wer will kann zurück und die meisten Freiwilligen wollten nicht. Aber schon ein paar Tage später kam dann die verbindliche Ansage.

Die Mädels haben es auch überhaupt nicht verstanden, wieso ich jetzt zurückgehen sollte. Wir hatten noch richtig viele Pläne - es war März und ich hätte im Juli eigentlich erst zurückfliegen wollen. Aber dann kam irgendwann die Nachricht: „Bitte nehmt den nächsten Bus nach Chennai, und wir versuchen euch so schnell wie möglich rauszufliegen.“

Es hieß dann in weniger als 24 Stunden zusammenpacken, Abschied nehmen und gehen. Ich wollte nicht weg, und ich weiß, dass es meinen Mitfreiwilligen auch so ging. Und dann waren wir zurück in Deutschland mitten im Lockdown. Und ich dachte nur so: Wo bin ich hier? Was passiert hier?

Das war ja ganz schön abrupt! Wenn du ja eigentlich eine vorgegebene Zeit hast, dann kannst du dich ja auch darauf einstellen, dass du irgendwann Abschied nehmen musst. Aber innerhalb von 24 Stunden, da passiert ja auch im Kopf ganz viel. Und das macht es einen nicht leichter, Abschied zu nehmen.

Da kamen nochmal viele Zweifel auch an der Entscheidung selber hoch. So Gedanken wie: Okay, dafür hast du jetzt wirklich dein ganzes Leben aufgegeben? Ich hatte keinen Job, keine Wohnung, mein Auto hatte ich verliehen und da stand ich jetzt.

Das war auch in einer Zeit, da hast du dir das mal nicht eben schnell neu gesucht. Mein ursprünglicher Plan war, wiederzukommen und weiterzureisen. Ich habe dafür gespart, also ich wollte noch ein paar Monate durch Europa reisen und mir währenddessen etwas aufbauen. Aber das ging ja auch alles nicht.

Was hast du denn stattdessen gemacht? Dich auf deine Selbstständigkeit als Virtuelle Assistentin fokussiert? Oder wie hast du die Zeit stattdessen verbracht?

Das kam dann, ja. Als ich das vor einem Jahr geplant habe, wusste ich gar nicht, dass es die Virtuelle Assistenz als solches gibt. Ich wusste immer, das ist der Job, den ich machen möchte, wusste aber nicht, dass er einen Namen hat. Und ich hatte mich eigentlich zuerst beworben auf ein paar Teilzeitstellen, damit ich mir nebenbei was aufbauen kann. Das hat aber nicht geklappt.

Und dann habe ich gesagt: Gut, ich gehe jetzt all in und konzentriere mich voll darauf. Ich hab das jetzt quasi andersherum gemacht als ursprünglich geplant. Das war sicher auch gut und ich bin jetzt schon viel weiter gekommen, als ich gekommen wäre, wenn es irgendwie anders gelaufen wäre.

Wie du ja am Anfang gesagt hast, es gibt mehrere Wege, Dinge anzugehen. Da ist es empfehlenswert, flexibel zu sein. Wie gehst du denn allgemein mit Entscheidungen um? Bist du eine, die viel grübelt, oder recht schnell intuitive Entscheidungen trifft?

Irgendwie beides. Ich kann unglaublich viel und lange über alles nachdenken. Und wie gesagt, ich habe immer ein Plan A-Z für jedes Szenario, außer Corona. Aber irgendwann reicht’s mir dann. Ich schiebe das immer stundenlang vor mir her und bin dann selbst genervt davon, dass ich mich für etwas entscheiden muss. Dann denke ich mir: Jetzt machst du das richtig.

Wenn ich einmal an dem Punkt bin „Ich beschäftigte mich jetzt intensiv damit,“ ist es meistens eine Sache von Stunden, maximal. Und dann entscheide ich mich und dann ist auch gut. Ich bin dann wirklich niemand, der dann noch hundert Jahre darüber nachdenkt und „Hätte ich nicht lieber...“ und „Sollte ich nicht doch...“ Wenn es dann falsch war, war es falsch.

Du hattest ja auch erwähnt, dass du es zum Schluss leicht bereut hast, nach Indien zu gehen, richtig?

Bereut nicht. Aber ich habe an der Entscheidung gezweifelt, ob es wirklich richtig war, alles dafür aufzugeben. Ich habe nicht bereut, dass ich nach Indien gegangen bin - mache ich immer noch nicht. Aber dieser radikale Abbruch an diesem Punkt, wo ich Wohnung kündige, Arbeit kündige... ob das klug war.

Das kannte ich nicht von mir. Das hatte ich bis dahin noch nicht, also dass eine Entscheidung so krasse Konsequenzen hatte, die ich vorher überhaupt nicht auf dem Schirm hatte.

Wie gesagt, ich habe sonst meine Pläne und normalerweise trifft einer davon ein. Entweder ist er halt gut oder schlecht. Wenn er schlecht ist, habe ich eigentlich schon wieder einen anderen Plan. Und das war da zum allerersten Mal nicht so. Ich hatte andere Pläne, aber die gingen alle nicht mehr in dem Moment. Und da habe ich zum ersten Mal wirklich eine Entscheidung im Nachhinein nochmal angezweifelt. Das ist mir vorher glaube ich noch nicht passiert. Hat mich auch selber verwirrt. Es war einfach ein Szenario, das hatte ich vorher nicht durchdacht. Und das hat ein Stück gebraucht.

Jetzt ist wieder alles gut, wie es ist und die Zeit war unglaublich wertvoll. Und ich wär niemals da, wo ich bin, wenn ich noch bis Juli in Indien gewesen wäre. Von daher ist es jetzt auch gut. Aber es gab mal so einen kurzen Moment, wo ich an der Entscheidung gezweifelt habe.

Auch gerade, weil es so außergewöhnlich ist und für die meisten ja so unvorhersehbar und plötzlich. Es hat ja uns alle überwältigt und auch überfordert und Pläne über den Haufen geworfen.

Ich glaube man lässt sich auch anstecken von der allgemeinen Stimmung. Es war halt eine totale Unsicherheit bei allen da, das hat man richtig gemerkt.

Aber, was ich übrigens immer hatte, und wo ich wirklich froh war, dass ich das immer hatte war, dass ich mir ja vorher Geld gespart habe. Ich hatte nie irgendeinen finanziellen Druck, weil ich immer wusste, ich kann mich zur Not über Wasser halten. Ich weiß nicht, wie es mir gegangen wäre, wenn ich das nicht gehabt hätte.

Das wäre auf jeden Fall nochmal dramatischer gewesen. Hättest du dann trotzdem den Rückhalt der Familie oder von Bekannten gehabt?

Ja, den habe ich ganz stark tatsächlich. Aber ein bisschen Sicherheit musste ich mir da selber schon schaffen. Ich hätte es auch nicht gemacht, wenn ich das Polster im Rücken gehabt hätte.

Welchen Rat würdest du denn gerne anderen geben, die jetzt vor einer schwierigen Entscheidung stehen?

Im Endeffekt genau das. Mach das, womit dir es gut geht. Es ist dein Leben, du entscheidest. Was ich auch bei meinen Entscheidungen gemerkt habe: Sobald ich jemand anderen da hab reinreden lassen, hat es nicht mehr funktioniert. Bei mir ist es eine ganz starke Bauchgefühlsache. Ich muss mich einfach selbst damit wohl fühlen. Ich muss wissen, wofür ich das mache, warum ich das mache. Und dann habe ich das Gefühl, ich kann mit allen Konsequenzen umgehen.

Wenn es jetzt ganz krasse Entscheidungen sind, dann nimm dir auch diese Zeit und schaff dir diese Sicherheit, die du brauchst, damit es dir damit gut geht. Bei mir waren zwischen Rumänien, also wo ich gemerkt habe, das ist nicht das Leben, was ich möchte, und dem Punkt, wo ich wirklich aufgegeben habe, das waren zwei Jahre dazwischen. Und in diesen zwei Jahren habe ich wirklich geschaut, dass ich mir zur Seite lege, was ich mir zur Seite legen kann, bis ich an einem Punkt war, wo ich gesagt habe: Ja, jetzt kann ich es guten Gewissens machen. Jetzt geht‘s mir auch gut damit und jetzt weiß ich, der Worst Case ist nicht so schlimm. Wenn es wirklich vor die Wand fährt, habe ich was, worauf ich zurückfallen kann.

Und das ist bei jedem anders, glaube ich, wie viel Sicherheit man da braucht. Es ist auch okay, das zu haben, finde ich. Egal, was das für ein Schritt jetzt ist, was für eine Entscheidung das jetzt ist. Das kann man ja in vielerlei Hinsicht interpretieren, sich da einfach die Voraussetzung zu schaffen, dass man sich mit der Entscheidung auch wohlfühlen kann.

Was ist dir im Leben wichtig?

Ich glaube ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch. Ich möchte einfach selber entscheiden, wie mein Leben aussieht, was ich mache, wofür ich es mache, mit wem ich meine Zeit verbringe, mit was ich meine Zeit verbringe. Das klingt jetzt so egoistisch, ist es vielleicht ein stückweit auch. Aber tatsächlich geht es mir da auch viel um andere Sachen.

In dem Moment, wo ich frei entscheiden kann, wo ich bin und was ich da mache, kann ich auch, wenn ich sehe, jemandem in meiner Familie geht es gerade richtig schlecht, spontan dahin fahren und für denjenigen da sein. Dann arbeite ich halt mal zwei Tage nicht. Und das bricht mir nicht das Genick, ich hab dann keinen Chef im Nacken, sondern ich habe diese Freiheit auch einfach für andere, da zu sein.

Oder ich bin jemand, der unheimlich viel und gerne ehrenamtlich arbeitet. Sowas will ich auch einfach machen können, wie ich das möchte. Von daher ist mir glaube ich diese Freiheit in der Hinsicht schon echt wichtig.

Ich bin auch gerne zuverlässig. Wenn ich etwas zusage, dann mache ich das auch. Ich finde wir sind schon in einer Generation von: Ich sage mal was und dann überlege ich es mir anders. So bin ich zum Beispiel gar nicht. Aber um das machen zu können, brauche ich ein Stück weit Freiheit, damit ich fest zusagen kann. Weil wenn dann dein Chef abends um 8 anruft und sagt: „Können Sie nicht noch das machen?“ und deshalb muss ich einen anderen Termin absagen - das ist halt auch doof.

Versteh ich voll. Umso schöner ist es, dass du auch schon die ersten Schritte gegangen bist, um genau dieses Leben führen zu können!

Ja, das ist schon gut. Es ist auch schon ein anderes Gefühl momentan, finde ich. Auch wenn man mal jetzt für ein Wochenende wegfährt, mache ich auch ganz oft. Da war bei mir immer dieses: Oah, jetzt dauert es wieder zehn Wochen, bis du das wieder machen kannst, dass du am Freitag wieder eher gehen kannst. Das ist jetzt nicht mehr. Wenn ich nächste Woche wieder Bock hab, dann mach ich es nächstes Wochenende nochmal.

Ja, das gibt einem ganz schön viel, besonders eben die Freiheit, wie du ja bereits erwähnt hast.

Ich bedanke mich für deine Zeit und deine Offenheit darüber zu sprechen, und das mit mir und anderen zu teilen!

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Mehr zu Sarah und ihrer Arbeit als Virtuelle Assistenz findest du auf ihrer Website.